Europas Drama : Griechenland verdient Anerkennung

06.06.2012 00:00 Uhrvon
Griechenland zu achten, nicht zu ächten, auch ohne Euro, das betrifft Europas Selbstachtung. Foto: dapd
Griechenland zu achten, nicht zu ächten, auch ohne Euro, das betrifft Europas Selbstachtung. - Foto: dapd

Griechenland zu achten, nicht zu ächten - auch ohne den Euro - ist das Gebot der Stunde. Denn die Griechen haben Europa erfunden.

Die berühmte Laokoon-Gruppe, Zeugnis der griechischen Antike, könnte auch ein Sinnbild des griechischen Dramas von heute sein. Ein Familienvater mitsamt seinen Kindern von beißenden Schlangen umwunden, die ihn erdrosseln. Vor 250 Jahren hat der deutsche Aufklärer Johann Joachim Winckelmann darin noch die viel zitierte „edle Einfalt, stille Größe“ altgriechischen Wesens erkannt. Seitdem gibt es neben aller Bewunderung auch die humanistische Verklärung der griechischen Kunst und Geschichte. Verklärung, weil jener Laokoon, der als einziger Nichtgrieche den griechischen Trug des Trojanischen Pferdes durchschaute und dafür büßen musste, statt stiller Größe das nackte Entsetzen zeigt.

Das europäische Finanzdrama, dessen nächster Akt spätestens nach Griechenlands bevorstehendem zweiten Wahlgang anhebt, kennt ohnehin keine Größe mehr. Dafür Furcht, doch ohne das Mitleid, das zur Erkenntnis stiftenden Katharsis am Ende der Tragödie gehört. Die Europäer haben nicht das Pulver erfunden und nicht die Schrift. Aber trotz aller Einflüsse aus dem Orient haben die Griechen Europa erfunden: eine phönizische Prinzessin mit selbigem Namen, die der Göttervater der Sage nach als fliegender Stier entführte, verführte. So begann Europa: mit Liebe und Lust – doch auch schon mit einer gewaltigen Täuschung.

Wer indes heute Politiker reden hört, in TV-Talks schaut oder in die Boulevardpresse, der wird beim Gedanken an Europa und Griechenland über die schiere (berechtigte) Sorge ums eigene Geld hinaus keinen Schimmer bekommen von der Symbolkraft des Dramas. Geht es doch auch um die ursprüngliche gemeinschaftliche Idee von Europa – und um das Wesen der Demokratie. Die griechischen Wahlen werden demnächst eine Revolte sein, weil kein Volk der Welt freiwillig die ökonomische und soziale Auszehrung und Erdrosselung wählt, gleich, was die Ursachen und eigenen Fehler sein mögen. Und jeder weiß, dass ein Ende mit unsicherem Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne sicheres Ende.

In Griechenland wurden einst - unter anderem von Plato - Philosophie und Poesie, das Drama und die westlichen Naturwissenschaften erdacht. Foto: dapd
In Griechenland wurden einst - unter anderem von Plato - Philosophie und Poesie, das Drama und die westlichen Naturwissenschaften erdacht. - Foto: dapd

Aber die Wiedereinführung der Drachme wird nicht das Ende Europas sein, weil Europa mehr ist als der Euro. Die Finanzkrise lehrt, dass der Verzicht auf das Primat der Politik – angefangen mit einer Währung ohne gemeinsame Währungspolitik und begleitet von einer allgemeinen Entfesselung der Finanzmärkte – geradewegs auch das heutige Demokratie-Problem der Europäischen Union begründet. In Griechenland wurden einst Philosophie und Poesie, das Drama und die westlichen Naturwissenschaften erdacht, ebenso der Begriff der Politik, der Demokratie und die Ablösung göttlicher Gewalt durch das Recht.

Das ist lange her. Doch ohne eine Vorstellung dieser Wurzeln haben wir keine Idee von uns selbst. Ohne dies alles hätte Europa, dessen aktuelle Politik die Zeichen von Sisyphos und Herkules trägt, keine Identität. Griechenland zu achten, nicht zu ächten, auch ohne Euro, das betrifft Europas Selbstachtung.

Der Islam, der nun auch zu Deutschland und Europa gehört, ist nur ein bunter Fleck auf dem west-östlichen Diwan. Das weltliche Haus drumherum aber ruht auf griechisch-römischen Fundamenten und ist möbliert mit den Erbstücken der hieraus erwachsenen Aufklärung und Renaissance.

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Winston Churchill, woran sich kein britischer Tory mehr erinnern mag, in einer Rede „An die europäische Jugend“ in Zürich eine europäische Union aus der gemeinsamen Kultur und „geistigen Stärke“ gefordert, die entscheidender sei als materielle Werte. Auch das ist lange her. Doch es ist das Thema von heute. Zum Beispiel wäre es auch eines für einen redemächtigen Bundespräsidenten.

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