Meinung : Europas Gedächtnis

In der EU brauchen Ost und West eine gemeinsame Geschichte Von Alexander Graf Lambsdorff

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Die Völker des ehemaligen Ostblocks haben im letzten Jahrhundert unter zwei Diktaturen leiden müssen. Die historisch betrachtet relativ kurze Phase der NSBesatzung war geprägt durch intensive Gewaltausübung, durch Krieg und Völkermord. Die anschließenden 40 Jahre kommunistischer Unterdrückung trugen ebenfalls alle Merkmale einer Gewaltherrschaft, wenngleich seit dem Tod Stalins nicht mehr in einer der NS-Zeit vergleichbaren Intensität. Dennoch haben vier Jahrzehnte Kommunismus dafür gesorgt, dass Freiheit dort nicht als selbstverständlich angesehen wird, sondern als ein hart errungenes und zu verteidigendes Gut.

Im neuen Europäischen Parlament treffen erstmals die direkt gewählten Vertreter West- und Osteuropas in einer gemeinsamen Volksvertretung aufeinander. Hier ist jeden Tag zu spüren, dass der Westen und der Osten den Umgang miteinander mühsam wieder erlernen müssen. Dabei darf Westeuropa nicht leichtfertig auf das Nachdenken über Erfahrungen im Osten Europas verzichten. Denn eines unterscheidet den Osten unseres Kontinents vom Westen: Totalitarismus ist für die Menschen im Osten Europas heute ein prägender Bestandteil der eigenen Erinnerung. Es ist eine aktive Erinnerung, oft gespeist noch aus persönlichem Erleben: Der ehemalige polnische Außenminister und heutige Europaparlamentarier Bronislaw Geremek, Überlebender des Warschauer Ghettos, saß als Aktivist der Solidarnosc im Gefängnis; Sandra Kalniete, bis vor kurzem lettische Außenministerin, wurde in Sibirien geboren, wohin die Kommunisten ihre Eltern verschleppt hatten. Diese lebendige, andere Erinnerung an erlittenen Totalitarismus trifft auf eine westliche Erinnerungskultur, für die Hitler das absolute Böse und der Holocaust den absoluten zivilisatorischen Abgrund darstellen. Mit wachsender Distanz zum Gegenstand der Erinnerung werden diese Überzeugungen bei uns eher verstärkt als abgeschwächt, für den Blick auf die vergleichbaren – nicht gleichen – Gräuel des Stalinismus bleibt wenig Raum, obwohl auch diese totalitäre Erfahrung Europas sind. Diese ungleiche Erinnerungskultur führt zu Missverständnissen, die zeigen, dass auch die europäische Wiedervereinigung – wie die deutsche – nicht nur politisch, sondern auch kulturell und gesellschaftlich vollzogen werden muss.

Europa braucht eine Westerweiterung der Erinnerung. Die Reaktion Salomon Korns auf Kalnietes Ansprache bei der Leipziger Buchmesse Anfang des Jahres macht das deutlich. So verständlich sie gewesen sein mag, so ritualhaft und einseitig war sie dabei. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Unterschiede zwischen West und Ost nicht gegeneinander auszuspielen und aufzurechnen, sondern beide für ganz Europa fruchtbar zu machen. Dabei liegt auf der Hand, dass eine Hierarchisierung der historischen Verdienste beim Kampf gegen den Totalitarismus oder des Leidens unter ihm nicht gelingen kann. Wer sich daran versucht, verkennt den entscheidenden Aspekt, der die Wiedervereinigung Europas in Frieden und Freiheit erst ermöglicht hat: Nur die beiderseits erfolgreiche Überwindung des Nationalsozialismus und des Kommunismus hat unsere Völker wieder zusammengeführt. Anstatt sich in der Aufrechnung zu ergehen, sollten die Europäer ihre wiedergewonnene Einheit als Bereicherung und Anlass zum gegenseitigen Lernen verstehen.

Der Autor (FDP) ist Mitglied des Europaparlaments.

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