Europas Kapital : Es geht um mehr als Geld

Längst fragen viel mehr Menschen als die, die jetzt vor den Banken campieren, ob unsere Vorstellung von Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie noch mit einem globalisierten Kapitalmarkt zusammengeht.

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Nicht nur die Teilnehmer der "Occupy"-Bewegung zweifeln am Zusammenspiel von Casino-Kapitalismus und Demokratie.
Nicht nur die Teilnehmer der "Occupy"-Bewegung zweifeln am Zusammenspiel von Casino-Kapitalismus und Demokratie.Foto: dpa

Der Philosoph Hans Blumenberg hat unsere Existenz einmal in die aus der griechischen Antike entlehnte Metapher „Schiffbruch mit Zuschauer“ gefasst. So hat das Publikum auch die vergangene politische Woche wahrgenommen. Zwar ist das lecke Euro-Boot von der deutschen Kapitänin und dem französischen Obermaat fürs Erste wieder halbwegs manövrierfähig gemacht worden. Aber der rettende Hafen ist noch weit, und der nächste Sturm kommt bestimmt.

Dem Wind in der Natur lässt sich nicht befehlen. In der Finanzkrise freilich bläst der Sturm von ganz irdischen, menschengemachten Gewalten her. Darum wirkt es so grotesk, dass Politik und Publikum immer atemloser auf „die Märkte“ starren und sie wie entfesselte Dämonen fürchten, statt sie endlich zu entzaubern und wieder an Sinn und Zweck eines die reale Wirtschaft fördernden und Gemeinwohlstand sichernden Kreditwesens zu binden. Die Instrumente, die konkreten Vorschläge liegen, drei Jahre nach der Lehman-Pleite, längst in Fülle vor. Sogar die Wirtschaftswissenschaft, die diesen Namen viele Jahre nicht mehr verdient hatte, beschreibt das Finanzmarktgebräu aus Zynik, Hysterie und blendnerischen Fantasmen inzwischen als: Ideologie. Mit der sich eine kleine globale Elite auf Kosten von Staaten und Steuerbürgern extrem bereichert hat.

Proteste der "Occupy"-Bewegung in Berlin
9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos.Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Thilo Rückeis
05.01.2012 17:579.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn...

Längst fragen viel mehr Menschen als die, die jetzt vor den Banken campieren, ob unsere Vorstellung von Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie noch mit einem globalisierten Kapitalmarkt zusammengeht. Tatsächlich ist die Mischung aus instrumenteller, computergestützter Intelligenz und moralischer Ignoranz im Milieu der globalen Finanztrader heute gefährlicher für die Stabilität und Funktionen der westlichen Demokratien als Al Qaida. Man erlebt hier keine Attacken mehr von außen, sondern eine systemisch fortschreitende Selbstzerstörung. Nach dem „War on Terror“ bräuchte es daher einen „War on Error“.

Aufklärung ist laut Kant das Heraustreten aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Das Ziel einer Gesellschaft, die sich aus Selbstfesselung und Selbstzerstörung wieder befreit, wäre jetzt: der Kampf um eine soziale Finanzmarktwirtschaft. Oder keine. Denn eine Wirtschaft, die nur ihre Wettverluste sozialisiert, ist keine selbstverantwortliche Marktwirtschaft.

Von Europa war zuletzt nur noch apokalyptisch oder finanztechnisch die Rede. Europa hat zwar nicht die Schrift und nicht das Pulver erfunden. Aber die Demokratie, die Aufklärung, die Menschenrechte – und die Marktwirtschaft. In ihr ist, sozial und demokratisch gezähmt, der Manchesterkapitalismus weitgehend verschwunden. Und gegen den globalen Casino-Kapitalismus gibt es Mittel. Wer als Politiker sagt, diese Mittel wirkten nur, wenn sie alle „Märkte“ weltweit anwenden, unterschätzt das mögliche Beispiel Europas. Zwischen Amerikas Niedergang und Asiens schnellem Wachstum, bei dem die sozialen und ökologischen Folgekosten noch längst nicht bilanziert sind, ist Europa trotz Schuldenkrise noch eine unübergehbare Größe. Nicht nur ökonomisch, sondern demokratie-politisch und kulturell. Sein Kapital ist weit mehr als ein Kapitalismus als Selbstzweck.

Europas Selbstbesinnung braucht also auch ein neues Selbstbewusstsein. Um auf einem Planeten mit nun sieben Milliarden Menschen nicht vieles Wichtigeres als nur das Geld schuldig zu bleiben.

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