Europas Zukunft : Rive Gauche ist nur noch ein Parfum

Die Europäische Union verbreitet weiter alte Mythen. Dabei heißt die Alternative: Reformen oder wirtschaftlicher Abstieg.

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Frankreichs Präsident Francois Hollande.
Frankreichs Präsident Francois Hollande.Foto: AFP

Joachim Gauck hat seit zwei Jahren eine Affäre mit Katja Riemann. Wenn er über Nacht bei der Schauspielerin bleibt, holt ein Personenschützer am Morgen Schrippen vom „Havelbäcker“. Seine Lebensgefährtin wusste von nichts und erholt sich gerade auf Schloss Meseberg.

Nicolas Sarkozy lässt sich von einem seiner Industriellen-Freunde nach St.Barts in die Karibik einladen. Es ist doch „keine Schande, reiche Freunde zu haben“, sagt er. Trotzdem wird er wegen Vorteilsnahme angeklagt und muss zurücktreten. Carla Bruni verlässt ihn.

Die kulturelle Nähe zwischen Deutschen und Franzosen, die den ideologischen Kern der Europäischen Union bildet, ist überwältigend. In Paris fahren die Präsidenten mit dem Motorroller zur Geliebten, in Berlin fahren sie mit dem Bobbycar ins Gefängnis. Hollywood würde aus der Liebesgeschichte dieser ungleichen Partner eine romantische Komödie machen, samt dem seit Jahren vorgetäuschten Höhepunkt. Protestant, asketisch und streng, landet in einer WG mit einem Katholiken, generös, lebenslustig, verantwortungslos. Zusammen machen sie einen Ausflug nach Mali. Ein Kassenschlager. In der Nebenrolle Franck Ribéry: Frankreich sieht in dem konvertierten Muslim einen Proleten, der mit Minderjährigen Sex hat und als Nationalspieler versagt. In Deutschland, wo Fußballspieler neuerdings zum Adel gehören, wird er von allen ins Herz geschlossen.

Die Floskel vom deutsch-französischen Motor Europas verdeckt, dass die Beziehung, kulturell, politisch, ökonomisch, so eng nicht mehr ist. Rive Gauche ist nur noch ein Parfum von Yves Saint Laurent, Romy Schneider lebte heute in Friedrichshain. Die Zeiten ändern sich eben. Und sie ändern sich weiter: Im Jahr 2030 wird die britische Wirtschaft die deutsche hinter sich gelassen haben, sagt eine Studie des Centre for Economics and Business Research (CEBR) voraus. Kurz vorher wird China die USA als stärkste Wirtschaftsmacht der Welt überholen. Laut der Modellrechnung wird Deutschland in Zukunft unter dem schwachen Wachstum in Europa leiden, den vielen Rettungsaktionen für andere Euro-Länder und der schwachen Bevölkerungsentwicklung. Beides, Unabhängigkeit vom Rest von Europa und eine wachsende Bevölkerung, sind umgekehrt die Gründe für Großbritanniens Erfolg. Vor allem aber: Alle europäischen Länder rutschen auf dieser Rangliste weiter nach unten. Frankreich von Platz fünf heute auf Platz 13.

Europa wird gemeinsam immer schwächer. Die Krise ist in Wahrheit ein Verteilungskampf: Es geht nicht mehr darum, mehr zu schaffen und mehr zu verteilen, sondern darum, das, was noch da ist, anders zu verteilen. Das geht, wie die Berechnungen des CEBR zeigen, nicht lange gut. Zwei Mythen werden deshalb immer weitererzählt: dass uns Europäer nicht Interessen verbinden, sondern ein kulturelles Band, an dem schon Homer gehäkelt hat; und dass wir mit dem Euro den Rest der Welt an die Wand wirtschaften werden. Beide Mythen, das macht aus resteuropäischer Sicht ihren Charme aus, schließen die Briten aus. Beide Mythen bröckeln jedoch schneller, als irgendjemand in Brüssel „Mehr Europa“ rufen kann. Energiepolitisch spielt Deutschland jedenfalls gerade das Attentat von Sarajevo nach.

Die britische Skepsis wurde immer wieder als antieuropäisch abgetan. Margaret Thatchers Zweifel am Euro hat Helmut Kohl abgebürstet und auch David Camerons Versuch, die Strukturen der EU anders zu organisieren, wird nur als Kampfansage verstanden. „Europa steht vor der einfachen Wahl: Reformen oder Abstieg“, sagte der britische Finanzminister vor ein paar Tagen – und die Empörung war groß. Dabei wissen alle, dass er recht hat, dass der Euro Europa spaltet. Sogar EU-Parlamentschef Martin Schulz hat dazugelernt: „Wir müssen darüber nachdenken, was national, regional und lokal besser gemacht werden kann als in Brüssel.“ Anders spricht der schlimmer Brite auch nicht. François Hollande ist leidenschaftlich bei der Sache, die Julie heißt, nicht Europa. Angela Merkel hat auch keine Lust. über den Abstieg Europas zu reden. Was bleibt, ist Routine: An diesem Dienstag, nur Wochen vor der Europawahl, nahm die EU Beitrittsverhandlungen mit Serbien auf. Diese Verhandlungen führt, sicher knallhart, der griechische Außenminister Evangelos Venizelos, der gerade die Präsidentschaft im Ministerrat innehat. Hauptsache, der serbische Präsident hat eine Affäre mit einer Schauspielerin. Dann gehört das Land auch zu Europa. Alles andere ist egal.

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