Europawahl : Silvio Berlusconi: Bocksgesang

Alles haben die Italiener Silvio Berlusconi verziehen: seine falschen Versprechungen, seine Misswirtschaft, seine Selbstherrlichkeit, seine Anmaßungen.

Wolfgang Prosinger

Der Stern des Silvio Berlusconi stieg und stieg, und mit ihm die Zustimmung der Italiener zu seiner Politik – 65 Prozent, 70 Prozent, 75 Prozent. Selbst als diverse Frauengeschichten ruchbar wurden und der Premier durch immer mehr schlüpfrige Sprüche auffällig wurde, tat das seiner Popularität keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ist doch einer von uns, hieß es allenthalben, ist doch nur eine kleine Schwäche. Pazienza! Welcher italienische Mann teilte diese Schwäche nicht? Nun aber dachte man, der Ministerpräsident könnte überdreht haben. Denn was in den letzten Wochen an Pikanterien publik wurde, überraschte nun doch. Erst die Showgirls, die Berlusconi ins EU-Parlament bringen wollte, dann die Gerüchte um eine Liebesbeziehung zu einer Minderjährigen und jetzt auch noch die drastischen Nacktfotos von einer Party auf Berlusconis Anwesen in Sardinien. Ein anschwellender Bocksgesang sozusagen. Das, fürchteten viele Berlusconi-Anhänger, könnte selbst den Wohlmeinendsten zu weit gehen. Die Anzüglichkeiten eines alternden Erotomanen lassen sich hinnehmen, fotografisch dokumentierte Orgien weniger. Aber weit gefehlt: Etwa 40 Prozent für seine – kürzlich mit den früheren Neofaschisten vereinigte – Partei. Ein Plebiszit für den Premier. Und für die Opposition die harte Erkenntnis: Dieser Mann ist unantastbar. pro

0 Kommentare

Neuester Kommentar