Ex-Bürgermeister in Ruanda : Nummer 435 auf der Liste von Interpol

Onesphore R. ist seit 2007 Asylbewerber in Deutschland. Früher war er Bürgermeister einer Stadt in Ruanda. Seit Dienstag steht er in Frankfurt vor Gericht - wegen des Völkermordes der Hutu an den Tutsi.

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Onesphore R. wird als gut integriert beschrieben. Seit 2007 ist der frühere Bürgermeister der nordruandischen Stadt Muvumba anerkannter Asylbewerber in Deutschland. Im gleichen Jahr setzte ihn Interpol auf Antrag der ruandischen Regierung auf den 435. Platz der Liste der meistgesuchten Genozidverantwortlichen. Seit Dienstag steht er in Frankfurt am Main vor Gericht. Onesphore R. ist der erste Ruander, der in Deutschland wegen des Völkermords der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 vor Gericht steht, nachdem ein Auslieferungsersuchen an Ruanda abgelehnt worden war. Dort sei ein „faires Verfahren“ nicht sicherzustellen, hatten die deutschen Gerichte festgestellt.

Die Anklage wirft R. vor, „im Bewusstsein seiner Macht“ mit „eine rassistische Vernichtung“ der Tutsi gewollt zu haben. Er soll fünf Tage nach Beginn der Angriffe auf die Tutsi am 11. April 1994 an einem Massaker in einer Kirche in Kiziguro beteiligt gewesen sein. Dort hatten mindestens 1200 Menschen Schutz gesucht. Auf Anweisung von R. sollen diese entweder erschossen oder mit Macheten und Werkzeugen erschlagen worden sein. Zwei Tage nach diesem Massaker soll R. ein Massaker in der Kirche von Kabarondo beaufsichtigt haben, bei dem 1360 Tutsi getötet worden sein sollen: Zunächst sollen die Männer aus der Kirche gelockt worden sein, draußen sollen sie dann der Anklage zufolge mit Pfeilen und ähnlichen Waffen getötet worden sein. Anschließend sollen die in der Kirche verbliebenen Frauen, Kinder und älteren Menschen mit Granaten und Maschinengewehren getötet worden sein. Schließlich soll R. am 15. April 1994 ein weiteres Massaker mit mindestens 1170 Opfern angeordnet haben.

Die Anklage wirft dem ehemaligen Bürgermeister vor, für den Tod von 3730 Menschen verantwortlich zu sein. Dazu hat Onesphore R. bisher kein Wort gesagt. Der Prozess wurde am Dienstag denn auch kurz nach der Eröffnung wieder vertagt. Schon seit 2002 ist der Ruander mit seiner Frau und inzwischen drei Kindern nach Deutschland gekommen, nachdem er 1994 zunächst nach Tansania geflüchtet war. Er ist Ingenieur und hat dank der langjährigen Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda in Trier studiert.

Im April 2008 wurde Onesphore R. zum ersten Mal verhaftet und im November 2008 freigelassen, nachdem seine Auslieferung nach Ruanda abgelehnt worden war. Seit Juli 2010 sitzt er in Untersuchungshaft. Dagmar Dehmer

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