Meinung : Ex-Terrorist vor Gericht: Jenseits von Stammheim

csl

Ein Vierteljahrhundert nach der Tat, 23 Jahre nachdem er sich selbst vom Terrorismus losgesagt hat, steht Hans-Joachim Klein vor Gericht. Die Chance, sich selbst zu stellen, bevor ihn das BKA in seinem Versteck in der Normandie aufspürte, hat er verpasst. Das Kommando von Topterrorist "Carlos", dem Klein angehörte, hat 1975 beim Anschlag auf die Wiener Opec-Konferenz drei Menschen erschossen. Dafür muss sich Hans-Joachim Klein verantworten - für nicht mehr und nicht weniger. Die seinerzeit angesichts der Bedrohung durch die RAF verschärften Terroristengesetze spielen in diesem Prozess keine Rolle. Klein muss sich verantworten, weil er das Grundrecht auf Leben, auf Freiheit und auf die körperliche Unversehrtheit anderer schwer verletzt hat. Dieser Prozess findet lange nach jenen Ereignissen statt, die damals die ganze Nation aufwühlten, die zu Gesetzesverschärfungen und kollektiven Schuldzuweisungen führten. Das macht die Chance dieses Verfahrens aus. Die Auseinandersetzung mit den konkreten Taten jener Aktivisten, deren politisches Engagement im rücksichtslosen Kampf endete, scheint hier möglich. Kleins Richter hat eingeräumt, dass die Untaten nach 25 Jahren möglicherweise in milderem Licht gesehen werden. Er scheint die Chance nutzen zu wollen, die damals in Stammheim offenbar nicht bestand. Dieser Prozess ist wohl die letzte juristische Abrechnung mit den aus der 68er Bewegung abgetauchten Aktivisten, die die "Weltrevolution" herbeibomben wollten. Wenn er glückt, wird er Aufschluss über Motive, Abläufe und innere Gesetze einer Szene liefern, die Zeitgeschichte geworden ist.

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