Exorbitante Managergehälter : Das haben wir nicht verdient

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Jetzt regt sich Widerstand - bei der Europäischen Union und in der Schweiz. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist das bitter nötig.

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Jahrelang haben Wirtschaftsbosse munter zugelangt.
Jahrelang haben Wirtschaftsbosse munter zugelangt.Foto: dpa

Der tarifliche Mindestlohn einer Friseurin in Thüringen beträgt 3,18 Euro. Das sind 25,44 Euro am Tag. Selbst wenn die Frau jeden Tag schuften würde, 365 Tage lang, käme sie brutto gerade einmal auf 9300 Euro im Jahr. Martin Winterkorn, Chef des Autobauers Volkswagen, kann sich auf das 1560-Fache freuen. Weil die Geschäfte des Konzerns gut laufen, bekommt der Top-Manager 14,5 Millionen Euro im Jahr. Eigentlich wären es sogar 20 Millionen gewesen, doch das war selbst Winterkorn nicht geheuer. Auch der Mann an der Spitze plädierte daher für den Umbau des Bonussystems und eine Deckelung der Top-Gehälter.

Wenn selbst die Eliten das schlechte Gewissen packt, ist es weit gekommen. Jahrelang haben Wirtschaftsbosse munter zugelangt. Banker haben mit spekulativen Investments ihre Jahresboni in schwindelerregende Höhen getrieben. Das Rattenrennen um Millionengehälter und Topzuschläge hat die Finanzindustrie in die Krise getrieben und Steuerzahler Milliarden für die Bankenrettung gekostet. Auch deutsche Sparer haben viel Geld verloren mit Anlagen, die gut klangen, aber schlecht waren.

Lange hat sich dieses System gehalten. Erstaunlich lange. Doch jetzt regt sich Widerstand. Die Europäische Union deckelt die Boni für Banker, um Finanzspekulationen einzudämmen. Fünf Jahre nach der Finanzkrise kommt das zwar ein wenig spät, aber besser spät als nie. Denn die Hoffnung, die Banken selbst würden die Zügel straffer ziehen und ihre Investmentbanker stärker überwachen, hat sich nicht erfüllt. Deshalb muss die Politik einschreiten. Das ist sie der Stabilität des Finanzsystems und dem Steuerzahler schuldig.

Auch in der Schweiz hagelt es Proteste. Mit einer Mehrheit von 67,9 Prozent haben die Eidgenossen am Sonntag eine Initiative angenommen, die dem Abzockertum im Management einen Riegel vorschieben soll. Die Volksempörung hatten die Eliten mit ihrer unmäßigen Abkassiererei selbst geschürt. Eine fast 60 Millionen Euro hohe Abfindung für den Ex- Chef des Verwaltungsrats von Novartis und satte Boni für die Manager der Skandalbank UBS brachten das Fass zum Überlaufen. Selbst in der wirtschaftsfreundlichen Schweiz, die den Kontakt mit Milliardären und ihrem Kapital nicht scheut, ist man nicht länger bereit, der Gier der Eliten zuzusehen. Wenn Leistung und Gegenleistung in keinem Verhältnis mehr zueinander stehen, gehen selbst brave Bürger auf die Barrikaden.

Diese Gier, unterstützt von Kumpanei zwischen Aufsichtsräten und Vorstand, stellt auch die deutsche Gesellschaft vor eine harte Belastungsprobe. Während für normale Arbeitnehmer nach Meinung der Wirtschaft ein Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde zu viel ist, kassieren die Vorstandschefs der 30 größten börsennotierten Unternehmen im Schnitt fünf Millionen Euro im Jahr. Vor 20 Jahren waren es noch bescheidene 570 000 Euro. Heute verdienen die Vorstände das 54-Fache dessen, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer bekommt. Zugleich bauen die Manager noch millionenschwere Pensionsansprüche auf, während Arbeitsministerin Ursula von der Leyen mit ihrem Versuch zunehmend isoliert dasteht, Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, eine halbwegs auskömmliche Mindestrente zu sichern.

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Das hält eine Gesellschaft nicht lange aus. Vor allem dann nicht, wenn sie wie unsere soziale Marktwirtschaft darauf ausgelegt ist, dass auch kleine Leute und der Mittelstand ihr Auskommen haben. Gelingt der Ausgleich nicht, ist das System in Gefahr. Gehaltsexzesse in Unternehmen zu verhindern ist primär Aufgabe des Aufsichtsrats. Wenn der versagt, müssen die Aktionäre einschreiten. Doch kein normaler Anteilseigner versteht die komplizierten Vergütungsregeln, die ihm zwischen Mittagssüppchen und Nachmittagskuchen auf den Hauptverhandlungen serviert werden. Wenn aber die Eliten und ihre Kontrolleure das Problem nicht lösen, muss der Staat einschreiten und nach dem Vorbild der EU-Boni die schlimmsten Exzesse beenden. Für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist das bitter nötig.

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