• Exotische Helden oder Gastarbeiter: Ideologische Grabenkämpfe erschweren die Integrationsdebatte

Exotische Helden oder Gastarbeiter : Ideologische Grabenkämpfe erschweren die Integrationsdebatte

Beim Umgang mit den Türken befällt die Deutschen eine merkwürdige Realitätsblindheit. Ein Gastkommentar.

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Der 24-jährige Türke Ismail Babader (l) wird am 27.11.1969 in München als der 1.000.000 Gastarbeiter aus Südost-Europa begrüßt. Der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl (M) empfing ihn auf dem Hauptbahnhof mit einem Fernsehapparat als Begrüßungsgeschenk. Rechts ein Reporter, der den Neuankömmling interviewt. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
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23.10.2011 10:38Der 24-jährige Türke Ismail Babader (l) wird am 27.11.1969 in München als der 1.000.000 Gastarbeiter aus Südost-Europa begrüßt....

Es muss irgendwann Mitte der 90er Jahre gewesen sein. In einer Warteschlange auf dem Frankfurter Flughafen stand ein junger türkischstämmiger Feuerwehrmann und sprach angeregt mit seinem deutschen Freund. Doch was heißt hier „sprechen“? Der Bub babbelte derart perfekt auf original Frankfurterisch drauflos, als hießen seine Eltern Heinz Schenk und Lia Wöhr, die Wirtin aus dem „Blauen Bock“.

In diesem Augenblick war mir klar: Das war’s mit der Integration. Problem gelöst, Thema erledigt. Toll. Wenn schon die zweite türkische Einwanderergeneration lokale Sitten und Gebräuche annimmt, was wird dann erst die dritte tun? Frankfurter Würstchen mit Sucuk kreuzen und oberhessische Trachtenumzüge organisieren?

Wer in den 70er Jahren in Frankfurt am Main aufwuchs, dem mochte diese Vorstellung gar nicht mal so abwegig erscheinen. Die alte Industrie- und Bankenmetropole hatte schon früh Einwanderer angezogen, und als vor 50 Jahren die ersten türkischen Arbeiter kamen, trafen sie auf Italiener, Spanier und Portugiesen, die ihre ersten Cafés gerade eröffnet hatten. So fremd sie manchem Einheimischen erscheinen mochten – man gewöhnte sich recht schnell aneinander. Lange, bevor das Wort zum Programm erhoben wurde, schälte sich schon der Kern einer de facto multikulturellen Gesellschaft heraus.

Die ehemals freie Reichs- und Kaiserkrönungsstadt, in der 1848 das erste frei gewählte deutsche Parlament getagt hatte, beherbergte damals bereits Zehntausende amerikanische Soldaten, die auch nicht gerade mit Handkäs’ groß und stark geworden waren. In den 80er Jahren, als nach dem Anwerbestopp für „Gastarbeiter“ schon wieder „Rückkehrprämien“ bezahlt wurden, waren mehr als 25 Prozent der Frankfurter ausländischer Herkunft (heute haben fast 40 Prozent einen „Migrationshintergrund“), und wer im Bahnhofsviertel wohnte, konnte beobachten, wie die türkische Community ganze Straßenzüge übernahm. Friedlich, versteht sich. In der Münchener Straße etwa gab es bald fast nur noch türkische Läden, Banken und Restaurants, Hinterhofmoscheen und Wettbüros. Einsam hielt „Feinkost Schenck“ die Stellung, doch o Wunder, es gab keine größeren Probleme, selbst wenn eine kurdische PKK-Demo lautstark unterm Fenster vorbeizog oder beim alljährlichen Opferfest Hunderte von Gläubigen den kompletten Verkehr zum Erliegen brachten.

Jenseits des Rotlicht- und Drogenmilieus herrschte eine urbane Normalität von leben und leben lassen. Der „Gemüsetürke“ war um die Ecke, man grüßte sich und hatte sonst nicht viel miteinander zu tun. Das musste ja auch nicht sein. Wir mussten nicht den Koran auswendig lernen und sie nicht das Matthäus-Evangelium. Hier half nicht nur die großstädtisch-tolerante Grundhaltung, sondern auch eine wirtschaftliche Dynamik, die den allermeisten Beschäftigung und Unterhalt bescherte.

Gewiss, mangelnde Deutschkenntnisse, Goldkettchenmachogehabe und der unverkennbare Hang zu Großfamilie und Clan irritierten uns zuweilen. Nicht zuletzt auch das merkwürdige Frauenbild. Aufgebracht berichtete die deutsche Friseurmeisterin in der Kaiserstraße, während sie mir den Faconschnitt verpasste, von ihrer jungen begabten türkischen Auszubildenden, die ihr Bruder eines Tages auf Nimmerwiedersehen aus dem Laden schleppte. Doch unser Glaube an die Selbstheilungskräfte einer fortschrittlichen Gesellschaft war stark. „Heimat Babylon“ ante portas. Alles würde gut. Irgendwie. Den Rest regelt das „Amt für multikulturelle Angelegenheiten“, das Daniel Cohn-Bendit 1989 aus der Taufe gehoben hatte.

Heute, fast eine Generation später, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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