Meinung : Extreme Normalität

Im Osten Deutschlands ist die rechte Szene ein Teil der Mehrheitsgesellschaft

Frank Jansen

V iele Demokraten sind wieder geschockt. Oder tun sie nur so? Dass die NPD in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern einziehen würde, war abzusehen. Die Erregung, die am Wahlsonntag pünktlich um 18 Uhr einsetzte, wirkte fast einstudiert. Es folgte das immergleiche Reiz-Reaktions-Schema. Wie nach den Erfolgen der NPD in Sachsen und der DVU in Brandenburg, wie nach besonders provokativen Reden brauner Demagogen, wie nach schweren rechten Gewalttaten.

Doch die Empörung übertönt häufig nur Ratlosigkeit und die lethargische Einstellung, gegen den Rechtsextremismus sei ja nur wenig auszurichten – und hoffentlich werde sich das Problem in der nächsten Generation erledigt haben. Bis dahin: Hände in den Schoß und jammern.

Unterdessen erobern Rechtsextremisten in Ostdeutschland Meter für Meter politisches Terrain. Die demokratischen Parteien geloben Gegenwehr, doch in den Problemzonen selbst fehlen oft Kraft, Mut und Fantasie. Außerdem wird die eigentliche Misere meist ausgeblendet. Die rechte Szene im Osten war schon immer in die Mehrheitsgesellschaft eingebettet. Mecklenburg-Vorpommern ist ein exemplarischer Fall: Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zündeten Neonazis 1992 eine Unterkunft von Asylbewerbern an. Hunderte Einheimische klatschten. Heute wählen knapp 60 000 Bürger des Landes die NPD. Kein Zusammenhang?

Auch das zweite Beispiel ist zumindest eigentümlich. Ihren ersten Wahlerfolg Ost feierte die NPD vor zwei Jahren in Sachsen. 1991 wurde Hoyerswerda von rassistischen Krawallen erschüttert. Zu lange her, um den Triumph der NPD zu erklären?

An der ressentimentvollen Stimmung in Teilen Ostdeutschlands hat sich nichts geändert. Und so wachsen junge, rechte Schläger ohne größere Reibungen zu ehrbaren Mitgliedern der Gesellschaft heran. Eine Korrektur ist nur in der Kleidung nötig, nicht in den Köpfen: Resozialisierung Ost. Rechtsextreme Gesinnung gilt weithin als nicht extrem. Wozu das führt, zeigt die jährliche Polizeistatistik. Nicht nur die Summe rechter Straftaten ist im Osten äußerst hoch, sondern auch die Zahl junger Ersttäter. Sie entstammen einer Gesellschaft, die teilweise im Trotz verharrt – und das nicht erst seit Hartz IV.

Die NPD als eingefleischt westdeutsche Partei brauchte lange, um zu erkennen, wie sich das Ostpotenzial erschließen lässt. Als sie es Mitte der 90er begriff, wurde ihr Vokabular „sozialistisch“. Über die braunen Jugendkulturen kam die NPD in Kontakt mit Erwachsenen. Heute bedient sie die Sehnsucht vieler frustrierter, oft naiver Ostdeutscher nach der Nestwärme eines Kollektivs mit der NS-Vision der „Volksgemeinschaft“.

So gelang der Einbruch in strukturkonservative, kleinbürgerliche Milieus – auch die der PDS. Wahlerfolge der NPD, ob in Ostsachsen, Vorpommern oder Berlin-Lichtenberg, waren da nur eine Frage der Zeit. Und das relativ gute Ergebnis in Berlin-Neukölln lässt befürchten, der Trend könnte auch Problemregionen des Westens erfassen. Und bis dahin haben die Demokraten bestimmt noch Zeit, wieder mal über ein NPD-Verbot zu streiten und über Gelder für Projekte gegen rechts.

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