Fachkräftemangel in Deutschland : Europas "verlorener Generation" eine Chance geben

Fachkräftemangel? Demografiefalle? Indische Experten zu gewinnen, um die Lücke in Deutschland zu füllen, ist weder sinnvoll noch aussichtsreich. Die Lösung liegt vielmehr bei den Nachbarn in Europa.

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Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist auf einem Rekordhoch. Betroffen sind auch viele junge Akademiker. In Deutschland werden gut ausgebildete Fachkräfte dringend benötigt.
Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist auf einem Rekordhoch. Betroffen sind auch viele junge Akademiker. In Deutschland werden gut...Foto: dpa

An 1000 indischen Schulen wird in Zukunft auf Initiative des Goethe-Instituts Deutsch als erste Fremdsprache unterrichtet. Die klugen Köpfe des Subkontinents könnten eines Tages die vergreisende deutsche Gesellschaft retten, die nicht genug eigenen Nachwuchs hervorbringt.

Bereits jetzt soll die neue „Blue Card“ die Zuwanderung nach Europa aus sogenannten Drittstaaten erleichtern. Indien wurde schon einmal als die Lösung für den Fachkräftemangel propagiert, Computerexperten wollte die rot-grüne Bundesregierung zu Beginn des letzten Jahrzehnts anlocken. Es kamen nur wenige, in Erinnerung blieben vor allem ein bürokratischer Hindernisparcours und der Jürgen Rüttgers zugeschriebene „Kinder-statt-Inder“-Spruch, den das rechte Spektrum nur zu gern aufgriff. Am Ende war das alles vor allem gut gemeint.

Deutschunterricht in Indien ist natürlich nicht verkehrt, doch sind die kulturellen Unterschiede groß, das Land zunehmend wohlhabend, eine Massenausreise kaum zu erwarten. Die Lösung liegt in Europa, vor der eigenen Haustür.

Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde ist die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone mit 11,6 Prozent aktuell so hoch wie nie. Über 35 Prozent der Italiener und Portugiesen unter 25 Jahren sind arbeitslos, in Spanien sind es 54,2 Prozent. Laut OECD haben dort 38 Prozent einen Hochschulabschluss, ein Drittel der Jungakademiker ist auf dem lokalen Jobmarkt chancenlos. Das Unwort „Verlorene Generation“ macht in Europa die Runde, während der deutsche Arbeitsmarkt robust ist und nach Einschätzung der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände bis 2030 eine Lücke von 5,2 Millionen Fachkräften bewältigen muss. Doch während das Goethe-Institut in Indien nach einer vierstelligen Zahl neuer Lehrer fahndet, die den Schulen für den Deutschunterricht vermittelt werden sollen, stellte die Dependance in Madrid 2011 gerade zehn neue Deutschlehrer ein.

Mit einem gezielten Programm könnte die Bundesregierung junge Menschen aus Krisenländern anwerben. Denn auch, wenn letztes Jahr 20 Prozent mehr Menschen nach Deutschland zogen als zuvor, wird das Fachkräfteproblem nur gestreift. Dabei sind nicht nur die geografischen Distanzen in Europa kurz, sondern auch die kulturellen. Es geht nicht darum, die Nachbarn mit einem gezielten „Braindrain“, dem Verlust der Gebildeten, zu provozieren. Das Programm müsste behutsam vermittelt werden und auslaufen, sobald die Krise vorüber ist. Was schneller gehen sollte, wenn den Ländern nicht Millionen junger Menschen unfreiwillig auf der Tasche liegen.

Dass es neben dem politischen Willen auch eine neue Willkommenskultur braucht, bewies zuletzt Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit seinen kruden Äußerungen über den Asylmissbrauch. Auch sollte niemand unterschätzen, wie lange die von Kanzlerin Angela Merkel vor genau zwei Jahren ausgestellte Todesurkunde für die Multikultigesellschaft nachwirkt. Es ist Zeit, beim Thema Einwanderung umzudenken.


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