Meinung : Falke am Boden

Mit Wolfowitz scheitert ein weiterer Irakkriegshelfer George Bushs – und ein Träumer

Christoph von Marschall

Paul Wolfowitz ist nicht über die sogenannte Gehaltsaffäre um seine Lebensgefährtin Schaha Riza gestolpert, jedenfalls nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie. Ebenso wichtig für seinen Sturz waren die Antipathien, die ihn wegen des Irakkriegs international verfolgen. Er war einer der Ideologen hinter der Intervention zum Sturz Saddams. Ein anderer beliebterer Weltbankpräsident hätte mehr Verständnis gefunden und womöglich die Krise überstanden. Das Gehaltspaket, das Schaha Riza den erzwungenen Abschied vom Job versüßen sollte, war ja in Absprache mit Weltbankinstanzen geschnürt worden.

Darf man es ausgleichende Gerechtigkeit nennen? Gut vier Jahre nach Beginn des Irakkriegs sind dessen wichtigste Betreiber nicht mehr im Amt oder haben stark an Einfluss verloren. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wurde im Winter gefeuert. Vizepräsident Dick Cheney ist schwer angeschlagen und seines engsten Mitarbeiters beraubt: Sein Stabschef Lewis Libby stürzte über „Leakgate“, die Verwicklung in die Enttarnung einer kriegsskeptischen CIA-Agentin. Alberto Gonzales, heute Justizminister und in Bushs erster Amtszeit dessen juristischer Berater, der die fadenscheinigen Vorwände für Guantanamo, Folter „light“ und heimliche Abhöraktionen durchsetzte, steht ebenfalls vor dem Rücktritt – weil er an parteipolitisch motivierten Entlassungen von Staatsanwälten beteiligt war.

Und nun musste Wolfowitz gehen, damals Vizeverteidigungsminister und mit Cheney/Rumsfeld vereint im Ziel, die arabische Welt mithilfe der US-Militärmacht umzukrempeln. Der ganze Ansatz der sogenannten „Neocons“ ist gescheitert, ihre Ära ist vorbei. In der zweiten Amtszeit umgibt Bush sich mit gemäßigten Ministern und Beratern, die mit den Trümmern einer gescheiterten Ideologie zurechtkommen müssen.

Wolfowitz also als Symbolfigur für das Ende einer Epoche? Das setzt einen falschen Ton. Wolfowitz war nicht der „härteste Neocon“, wie man jetzt lesen kann. Er war und ist eher ein romantischer Träumer, ein idealistischer Weltverbesserer – kein kalt rechnender Machtmensch wie Cheney oder Rumsfeld. Das entschuldigt seine Irrtümer nicht. Er trug maßgeblich zu einem falschen Krieg mit fürchterlichen Folgen bei. Aber er – und seine Lebensgefährtin Schaha Riza, eine arabische Frauenrechtlerin – glaubten wohl wirklich, dass die arabische Welt rasch zur Demokratie findet, wenn man sie von ihren Diktatoren befreit.

Wolfowitz ist eine vielschichtige Figur. Als Kind in Israel verinnerlichte er: Gewalt ist manchmal nötig gegen das Böse. Politisch begann er bei den Demokraten, kam erst unter Reagan zu den Republikanern, fand es aber unerträglich, dass der mit rechten Diktatoren gegen den Kommunismus paktierte. Früh befürwortete er Entwicklungshilfe in der Dritten Welt.

Die Ära der Neocons ist zu Ende. Wolfowitz’ Sturz passt dazu. Er war kein typischer Vertreter, eher ein fehlgeleiteter Moralist. Die können ebenso gefährlich sein wie blinde Ideologen. Das ist die Moral aus dem Fall Wolfowitz.

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