Meinung : Falke im Taubenschlag

Wolfowitz soll Weltbankchef werden – die Neokonservativen in den USA sind wieder da

Malte Lehming

Sie sind wieder da. So mancher in Amerika sieht sich genötigt, ihre Weitsicht zu preisen und gibt sich zerknirscht ob der eigenen Phantasiearmut. Die Neokonservativen stehen erneut im Rampenlicht. Ihr prominentester Vertreter, Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, soll Chef der Weltbank werden. Ein anderer, John Bolton, wird UN-Botschafter. George W. Bush persönlich betreibt die Rehabilitierung der konservativen Revolutionäre. Er hat sich ihnen angenähert. Seine letzten großen Reden sind geprägt von jener Mischung aus Idealismus und Machtbewusstsein, die die Anziehungskraft der Bewegung ausmacht. Jetzt bedankt sich der Präsident bei seinen Lehrmeistern.

Der Irakkrieg ist das außenpolitische Vermächtnis der Neokonservativen. Lange vor den Anschlägen vom 11. September 2001 arbeiteten sie auf den Sturz Saddam Husseins hin. Die beiden Legitimationsargumente, die sich die US-Regierung später zu Eigen machte – der Irak besitzt Massenvernichtungswaffen und hat Verbindungen zum Terrorismus –, standen für die Neokonservativen nie im Vordergrund. Ihnen ging es um die Ausbreitung der Demokratie im Nahen Osten.

So wurde ein Krieg aus offiziellen Gründen geführt, die inoffiziell nicht die wahren waren. Das rächte sich. Weil sich die Terrorverbindungen und der Besitz von Massenvernichtungswaffen rasch als Unsinn entpuppte, geriet die Invasion in Begründungsnot. Hinzu kam der Aufstand gegen die Besatzer, die in Bagdad und Umgebung nicht, wie erhofft, als Befreier empfangen worden waren. Erste Nachrufe auf die Neokonservativen wurden verfasst. Doch plötzlich zündete der Funke. Freie Wahlen in Afghanistan, Palästina und dem Irak. Libanesen demonstrieren für Unabhängigkeit. Ägypten und Saudi-Arabien kündigen demokratische Reformen an. Parallelen zu Osteuropa werden gezogen. Es wirkt grotesk: Ausgerechnet aus der neokonservativen Ideologie bezieht der Irakkrieg jetzt seine letzte Rechtfertigung. Im Licht der Geschichte könnte es gar die plausibelste sein.

Bush setzt sich ungeniert an die Spitze der Bewegung. Bolton hat er zu den UN, Wolfowitz zur Weltbank geschickt. In den Beförderungen drückt sich personelle Wertschätzung aus. Aber auch institutionelle Verachtung? Das befürchten viele. Wie soll ein Falke einen Taubenschlag regieren? In solchen Einwänden schwingt Misstrauen mit. Dabei wird man Wolfowitz nicht gerecht, wenn man ihn auf einen Kriegstreiber reduziert. Den Auftrag der Weltbank, die Armut zu bekämpfen, wird er ernst nehmen. Er weiß aber auch, dass Armut oft politische Ursachen hat. Diktatoren scheren sich wenig um das Schicksal ihrer Völker.

Die Weltbank kann von Wolfowitz profitieren. Dass ihn ein Glaube leitet, hat er bewiesen, dass er nicht bloß träumt und hofft, auch. Die Arbeit der rund 10000 Angestellten wird bestimmt nicht leichter, aber womöglich effektiver. Wer weiß? Vielleicht wird die Welt sich einst wundern, wieder einmal.

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