Fall Madeleine : Ende der Hoffnung

Madeleines Mutter wird verhört: Der Fall scheint sich zu wenden.

Ursula Weidenfeld

Jetzt gilt die Mutter des im Mai verschwundenen britischen Mädchens Madeleine auf einmal als Verdächtige. Sie selbst habe sogar darum gebeten, als Verdächtige ein gestuft zu werden, heißt es. Denn so habe sie nach portugiesischem Recht das Recht auf Aussageverweigerung und die Begleitung durch einen Anwalt.

Überraschender hätte sich die Geschichte um Entführung und die öffentliche Suche nach dem Kind kaum wenden können. Nach monatelanger spektakulärer und öffentlicher Suche – die Eltern waren durch die halbe Welt gereist, um Aufmerksamkeit, Geld und Unterstützung für die Suche nach Madeleine zu organisieren – gehören nun sie selbst zu den Verdächtigen, das Kind möglicherweise getötet zu haben. Madeleine war aus einem Zimmer einer portugiesischen Ferienanlage verschwunden, als die Eltern mit Freunden zum Abendessen in einem nahe gelegenen Lokal waren. Monatelang hatten die Polizei und die Öffentlichkeit angenommen, das Kind sei möglicherweise von Kinderräubern verschleppt worden und könne noch am Leben sein.

Deshalb war die Initiative der Eltern, das Bild des Kindes möglichst überall bekannt zu machen, auf große öffentliche Unterstützung gestoßen. Polizeipsychologen hatten indes bald nach der vermeintlichen Tat darauf hingewiesen, dass in solchen Fällen von Kindesentführung die Täter oft im engeren Umfeld der Familien zu finden sind. Und sie wiesen auch darauf hin, dass es nach dem verschuldeten oder auch unverschuldeten Verlust eines Kindes zu schier unglaublichen Verdrängungsleistungen kommen kann. Die könnten erklären, dass sich Eltern gleichzeitig aktiv an der Suche nach Kindern beteiligen, an deren Tod sie selbst einen Anteil haben. Das Beispiel der 1986 getöteten Kinder Karola und Melanie Weimar zeigt, wie stark Verdrängung, Schuld und Trauer miteinander verschmelzen können – und wie lange die Suche nach der Wahrheit dauern kann.

Solange niemand einen Mord gestanden hat und dafür verurteilt wurde, solange keine Leiche aufgetaucht ist, verbieten sich Schlussfolgerungen über einen möglichen Tathergang und über eine mögliche Täterschaft der Eltern. Im Fall Madeleine ist noch nichts klar. Die Tatsache, dass Kate und Gerry McCann eine riesige Kampagne lostraten, um das Kind wiederzufinden, darf sich nicht gegen sie wenden. Es war richtig, dass sich – von Papst Benedikt bis David Beckham, von Joanne K. Rowling bis zu Klaus Wowereit – alle haben einspannen lassen, um die Aufmerksamkeit für Madeleine wachzuhalten und das Mädchen zu suchen – solange es Hoffnung gab und geben konnte.

Jetzt scheint sich der Fall auch in dieser Hinsicht zu wenden: Die Polizei hat offenbar die Hoffnung aufgegeben, das Kind lebend zu finden. Das ist die wirklich schlimme Wendung des Falles.

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