Fall Marco W. : Die Dampfablasser

Im Fall Marco wiegeln sich vorlaute Deutsche und trotzige Türken gegenseitig auf. Es sind starke Gefühle zu spüren und große Worte zu hören - aber Gefühle können trügerisch sein.

Lorenz Maroldt

Ein Gedankenspiel zeigt wie tückisch das Terrain ist: der gleiche Ort, eine Ferienanlage an der türkischen Küste; ein dreizehnjähriges Mädchen aus Uelzen, ein siebzehnjähriger Junge aus Antalya, ein Bett, Spermaspuren – und eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs. Nach kurzer Untersuchungshaft – das Verfahren läuft, aber zieht sich hin, weil die Aussage des verschüchterten Mädchens noch nicht vorliegt – wird der Junge gegen Kaution freigelassen. Wir können sicher sein: Da würden sich die Sprüche der Unionsscharfmacher Kauder und Söder anders anhören, die Umfragen anders lesen. Nicht vom Siebzehnjährigen wäre die Rede, sondern vom freigelassenen mutmaßlichen Kinderschänder Mehmet K. und vom Versagen türkischer Behörden, Frauen und Mädchen zu schützen.

Und Worte, starke Worte, die können einiges offenbaren: Vorurteile, aber auch Tatsachen. Das, was deutsche Politiker zum Fall Marco seit Monaten in echter oder gespielter Erregung ausstoßen, egal, ob sie nun Steinmeier, Struck oder Wulff heißen, enthüllt ein überraschend marodes Verständnis vom Rechtsstaat.

Besonders interessant ist dabei ein Rückblick auf die Zeit, als die Länge der Untersuchungshaft von Marco noch gar keine Rolle spielte. Der Außenminister erklärte, er werde beim türkischen Kollegen Gül „mit Nachdruck“ Marcos Freilassung „einfordern“. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck forderte „die Türkei“ auf, Marco freizulassen. Der niedersächsische Ministerpräsident kündigte einen Brief an den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan an mit der Bitte, dieser möge sich persönlich um den Fall kümmern. Unionsfraktionschef Kauder wandte sich gar im herablassenden Duz-Ton drohend an die türkische Regierung: „Wenn ihr den jungen Mann nicht freilasst …“ Und auch der Grüne Beck hatte den Fall aus der Ferne schnell gelöst und erklärte, in einem „normalen Rechtsstaat“ würde Marco freigesprochen. Ach ja, wirklich? Hat denn Beck bei Charlotte unterm Bett gelegen, oder woher bezieht er seine Kenntnis der strittigen Intimität?

Es ist, als ob sie das alle selber gerne hätten, dass sie die erste, zweite und auch noch dritte Gewalt im Staat gleichzeitig sind, sich selbst zum Richter aufspielen, Urteile diktieren und kassieren, ganz wie es ihnen gefällt und passt. Die Regierung in Ankara fordern sie jedenfalls schamlos auf, genau so zu handeln, wie es ihrem vorgestrigen Vorurteil über die Türkei entspricht: vordemokratisch, antirechtsstaatlich, EU-beitrittsunfähig. Ein deutscher Skandal.

Die Türkei hat auch einen Skandal. Der wird deutlich, wenn man sich die dortigen Äußerungen zum Fall Marco genauer ansieht. Denn wenn die Türkei so wäre, wie ihre Regierung und ihre Justiz behaupten, also ein lupenreiner Rechtsstaat nach europäischem Vorbild, dann könnte sie den ganzen gequirlten Quatsch aus Deutschland cool an sich abtropfen lassen. Stattdessen sagen türkische Politiker, Beamte und Juristen, aber auch die Anwälte Marcos: Die Einmischung aus Deutschland habe dem Inhaftierten geschadet, akut und massiv. Wie kann das sein, wenn doch die Justiz ganz unabhängig ist? Und was für ein gestörtes Verständnis von Meinungsfreiheit zeigt sich da? Im Rechtsstaat ist Justitia blind und taub. Verheerend auch die Verteidigungsversuche des türkischstämmigen SPD-Europaparlamentariers Vural Öger: Der Druck aus Deutschland habe dazu geführt, dass die Richter eine vorgefasste Meinung einnähmen.

An der Länge der Untersuchungshaft wäre demnach nicht der Staatsanwalt schuld, der offenbar unfähig ist, eine gerichtsverwertbare Aussage des britischen Mädchens herbeizubringen, und auch nicht der Richter, der das einfach so hinnimmt und wartet, sondern: die deutsche Politik. Wenn sich aber die türkische Justiz tatsächlich davon leiten ließe, was in Deutschland über sie gesagt würde, bestätigte sie doch nur die Unterstellungen, gegen die sie sich so heftig verwahrt. Demonstrative Unabhängigkeit ist eben auch eine Form von Unfreiheit.

Marco ist zwischen vorlaute deutsche Politiker und trotzige türkische Richter geraten, und er wird von beiden Seiten zu Demonstrationszwecken: missbraucht.

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