Meinung : Falsche Baustelle

Nur Kostensenkungen kurieren das Gesundheitssystem

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Alexander S. Kekulé Die magische Zahl heißt also „109“. So viel Euro muss jeder Bürger monatlich für die Gesundheit bezahlen und die Reform ist perfekt, sagen Angela Merkel und Edmund Stoiber. Einhundertneun rettet auch den Familienfrieden zwischen den Unionsschwestern, die sich wegen Bert Rürups böser „169“ so arg in den Haaren lagen. Nur Horst Seehofer schmollt, weil er die Primzahl sozial ungerecht findet. Ein bisschen merkwürdig ist es ja schon, dass die Lösung jetzt so einfach und schwarz auf weiß dasteht, wo doch vorher alles so schwierig war mit der großen Gesundheitsreform. Haben die Experten vielleicht doch eine Kleinigkeit vergessen?

Leider ja, denn sie haben die Rechnung ohne die Wirte gemacht: Die Anbieter im Gesundheitssystem können nach wie vor weitgehend selbst bestellen, was ihre Gäste serviert bekommen. Solange jedoch Pharmafirmen, Kliniken und Ärzte die Deutungshoheit über den Begriff des medizinisch Notwendigen haben, werden die Kosten weiter steigen. Eine Reform, die nur den Geldhunger des übergewichtigen Gesundheitssystems zu stillen versucht, ist wertlos. Alle Versuche, endlich auch die Kosten konsequent und nachhaltig zu senken, sind jedoch gescheitert, weil weder medizinische Anbieter noch Patienten ein Interesse daran haben, die Leistungen der Solidargemeinschaft einzuschränken.

Aktuellen Schätzungen zufolge werden die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für verschreibungspflichtige Medikamente im kommenden Jahr um bis zu 18 Prozent steigen, auf einen historischen Höchststand von 18,3 Milliarden Euro – trotz Zuzahlungen der Patienten, Festpreisen und Zwangsrabatten. Auch bei den Krankenhäusern, die ein Drittel des GKV-Budgets von 140 Milliarden Euro verschlingen, sind bisher keine Spareffekte zu verzeichnen. Die Umstellung der Abrechnung nach Tagessätzen auf Fallpauschalen beendet zwar das Geldverdienen durch schlichtes Verzögern der Behandlungen. Jedoch können die Klinikbetreiber auch künftig ihre Einnahmen selbst beeinflussen, indem sie ihren Patienten Diagnosen mit höheren Fallpauschalen zuordnen oder sich auf besonders rentable Krankheiten spezialisieren.

Die Definitionen von Krankheiten und wirksamen Therapien sind fließend und höchst individuell. Der eine liegt mit Erkältung eine Woche im Bett, der andere geht mit 40 Grad Fieber ins Büro. Einer nimmt Antibiotika, der Nächste glaubt an Homöopathie, der Dritte schwört auf Sauna und Massagen. Nur durch Reduktion der Solidarleistungen auf das medizinisch absolut Unverzichtbare, Verbesserung der Effizienz und bessere Prävention könnten die Gesundheitskosten erheblich gesenkt werden. Übergewicht und Diabetes kosten beispielsweise rund 23 Milliarden Euro jährlich – etwa so viel, wie mit der ganzen Reform eingespart werden soll. Mit dem bei den Sozialabgaben eingesparten Geld könnte sich dann jeder individuell versichern, etwa für gefährliche Sportarten, Homöopathie oder neue Medikamente, deren Zusatznutzen nicht bewiesen ist. Dass das Prinzip Selbstverantwortung bei den Patienten funktioniert, hat die Praxisgebühr bewiesen: acht Prozent weniger Arztbesuche – die Definition von Krankheit ist eben auch davon abhängig, ob es sie zum Nulltarif gibt.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle.Foto: J. Peyer

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