Meinung : Falsche Jünger

In den USA streiten Religiöse und Liberale – nicht immer mit lauteren Mitteln

Christoph Marschall

Heute tritt das Parlament des US-Bundesstaates Indiana zur ersten Sitzung im neuen Jahr zusammen. Seit 188 Jahren ist sie mit einem Gebet eröffnet worden. Nun steht die Tradition in Frage. Bezirksrichter David Hamilton hat auf Klage der Indiana Civil Liberties Union ein christliches Eröffnungsgebet verboten. Die Verfassung gebiete dem Staat konfessionelle Neutralität. Die Gebete in Indiana hätten mit der Zeit „systematisch Sektencharakter“ angenommen.

Abermals ist Amerika in Aufruhr. Die einen sehen sich in ihrer Warnung vor einer übermächtigen religiösen Rechten bestätigt, der man endlich Grenzen aufzeigen müsse. Die anderen meinen, hier würden im Dienste einer falsch verstandenen political correctness Amerikas Traditionen preisgegeben. So war es kürzlich schon beim so genannten „War on Christmas“: Darf man sich „Fröhliche Weihnachten!“ wünschen oder muss es neutral „Frohe Feiertage!“ heißen, um nicht-christliche Bürger einzubeziehen? Die Juden feiern parallel Hannukah, das Lichterfest.

Mehrere Abgeordnete, auch Demokraten, fordern Indianas Parlamentspräsidenten Brian Bosma auf, das Urteil zu ignorieren. Doch Bosma sagt, das sei das falsche Signal an die Jugend. Die müsse lernen, Gerichte zu respektieren. Er hat Berufung beim Bundesappellationsgericht in Chicago eingelegt. Heute will er eine Gebetsformulierung finden, die die Bedenken des Richters Hamilton berücksichtigt.

Die „christliche Rechte“ und ihre Macht sind zu Schlagworten in George W. Bushs Amerika geworden, der sich selbst einen „wiedergeborenen Christen“ nennt: von Gott vor dem Alkoholismus gerettet. Es wird mit religiösen Bekenntnisfragen Stimmung gemacht, auch parteipolitisch: für oder gegen Abtreibung, für Evolutionstheorie oder Intelligent Design (eine Verbindung aus Darwin und Bibel) im Biologieunterricht – und: Wie hältst du’s mit dem Kirchgang?

Die christliche Rechte ist mächtig. An ihrem Einspruch ist die Kandidatur von Bushs Wunschkandidatin für das Oberste Gericht, Harriet Miers, gescheitert. Trotz regelmäßigen Kirchgangs gab es Zweifel an ihrer Prinzipientreue zum Beispiel in der Abtreibungsfrage. Die Religiösen unterhalten Medienimperien und können Bush zwingen, sich beim Chinabesuch für die verfolgten Christen einzusetzen. Wenn Fernsehprediger Pat Robertson zur Ermordung des gottlosen Sozialisten und venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez aufruft, wenn die nächste Schule die Schöpfungsgeschichte als Alternative zur Evolutionskunde lehren will, sieht sich das liberale Amerika bestätigt: Vor solchen Verirrungen müssen Nation und Demokratie gerettet werden.

In diesem Eifer greift das Gegenlager allerdings oft zu Übertreibungen und Verleumdungen. Da wird in millionenschweren TV-Spots wahrheitswidrig behauptet, der neue Oberste Richter John Roberts habe militante Abtreibungsgegner geschützt. Oder, ebenso falsch, die Religiösen wollten Intelligent Design statt Evolution lehren. Richtig ist: Sie wollen beides auf dem Lehrplan sehen, parallel.

Angesichts der Pauschalurteile, mit denen da hantiert wird – und die längst Teil des USA-Bildes im Ausland sind –, überrascht, wie differenziert das offizielle Amerika der Gerichte und staatlichen Institutionen seine Abwägungen trifft. In manchen Fällen sind wohl doch eher jene auf Abwegen, die bei jedem christlichen Wort vor der Übermacht der Religiösen warnen. Denn was Indiana betrifft: Kann man, wie Richter Hamilton, aus dem Gebetswunsch, dass „alle Menschen die Botschaft Gottes hören, der den Retter Jesus Christus sandte“, ableiten, da sei im Parlament zur Missionierung aufgefordert worden? Die 52 letzten Eröffnungsgebete sprachen neun Abgeordnete, 41 christliche Geistliche, ein muslimischer Imam und ein Rabbiner – nur fair angesichts von Indianas Bevölkerungsstatistik.

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