Meinung : Familie Nguyen: Aufschwung der Anständigen

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Bundeskanzler Gerhard Schröder hat letztes Jahr den "Aufstand der Anständigen" propagiert, jetzt kann er ihn hautnah erleben. Wenn Schröder morgen das brandenburgische Guben besucht, wird er mit dem Fall der vietnamesischen Familie Nguyen konfrontiert, die sich im Kirchenasyl versteckt. Der Bauingenieur, seine Frau und die beiden Söhne sollen ausreisen, weil ihr Aufenthalt laut Ausländerrecht am heutigen Mittwoch endet. Das versteht in Guben fast niemand, denn die Nguyens gelten als integriert. Viele Gubener empört auch, dass sich bald die Rechtslage ändern kann - wenn der Entwurf des Zuwanderergesetzes, den Bundesinnenminister Otto Schily vorgelegt hat, realisiert wird. Denn dann wären die Nguyens eine Musterfamilie, die Schilys Kriterien erfüllt. Trotzdem kommt der Protest in Guben, mit Unterschriften-Appell und Spendenaktion, überraschend. Früher galt die Stadt als Inbegriff der "national befreiten Zone". Rassisten hatten einen Algerier zu Tode gehetzt, den Gedenkstein für das Opfer lehnen die meisten Anwohner ab. Die Serie der Schändungen riss nicht ab, erst letzten Sonntag wurden Blumen zertrampelt. Dennoch ist Guben nicht mehr die Stadt, die sie war - und das liegt auch am Bürgermeister, Gottfried Hain. Er setzte durch, dass der Gedenkstein trotz der Schändungen am Tatort bleibt. Nun kümmert sich eine Bürgerinitiative um das Mahnmal. Und Hain unterstützt die Familie Nguyen, viele "Anständige" ziehen mit. Endlich ist das andere, das bessere Guben zu erkennen. Und das ist ein Signal für das ganze Land: Erfolge im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit sind möglich, Engagement ist mehr als eine Phrase. Allerdings darf es nicht bloß plakativ sein, nicht kurzatmig auf mediale Effekte ausgerichtet, muss nachhaltig sein. Eben so wie in Guben. Diesen "Aufstand" könnte der Kanzler weiterempfehlen.

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