Meinung : Familie ohne Ideologie

Schwarze, Grüne und Rote pflegen gegenüber Menschen mit Kindern ihre Vorurteile

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Von Bernd Ulrich

Man muss kein Mitleid haben mit Eltern. Schließlich haben sie die Kinder gewollt. Dennoch lässt sich kaum übersehen, dass Kinder häufig zur Belastung werden, indem sie Karrieren bremsen, Beziehungen überdehnen und Alleinerziehende an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Die echte, mehr noch die gemutmaßte oder gefürchtete Belastung durch Kinder führt dazu, dass die Deutschen immer weniger Kinder bekommen. Was wiederum unter dem technokratischen Deckn Demografie zu immensen kulturellen und finanziellen Problemen führt.

Vieles spricht außerdem dafür, dass die Kinder- und die Mutlosigkeit dieser Gesellschaft eng zusammenhängen. Man könnte also ohne viel Übertreibung davon sprechen, dass der Mangel an Kindern das Kardinalproblem der Deutschen am Anfang dieses Jahrtausends ist. Das spräche dafür, Menschen, die Kinder haben oder haben wollen, nicht zu viel auf die Schultern zu legen. Vor allem sollte man – und sollten die Parteien – damit aufhören, den Familien auch noch ihre grünen, schwarzen oder roten Ideologien überzustülpen. Wer sich die Koalitionsverhandlungen auf der einen und die Debatten in der CDU auf der anderen Seite ansieht, muss bezweifeln, dass die Politik dazu bereit ist.

In der Union wehren sich viele dagegen, alle Formen menschlichen Zusammenlebens als gleichwertig zu betrachten. Dabei bezweifelt in der Partei doch niemand, dass gleicher Respekt nicht mit gleicher staatlicher Förderung in eins fällt. Unterstützen muss der Staat nur das Leben mit Kindern. Doch das genügt den Christdemokraten nicht. Sie wollen zum Ausdruck bringen, dass die Kombination Vater-Mutter-Kinder die beste ist. Nur können sie offenbar nicht verstehen, dass die meisten anderen Lebensmodelle mit Kindern gar keine Modelle sind, sondern fast immer das, was nach dem Scheitern von klassischen Ehen kommt – Nöte also, aus denen man freilich keine Tugend machen sollte.

Offenbar denkt die Mehrheit in der Union immer noch, die Schwierigkeiten des modernen Menschen, sich zu binden, seien Ausfluss libertärer Propaganda, einer linken Befreiungsideologie. Die gab es in den 70er-Jahren einmal. Heute herrscht eine andere Auffassung vor: So viel Bindung wie möglich, aber wenn es nicht geht, dann geht es eben anders, dann will man sich aber auch nicht dafür schämen oder ein Leben lang unvollständig fühlen müssen.

Die Kämpfe der 70er-Jahre führen jedoch auch bei Roten und Grünen viele fort. Sie meinen, jede Abweichung vom heimlichen christdemokratischen Ideal sei ein Gewinn, eine Familie mit zwei Kindern und einem fast oder ganz allein verdienenden Mann hingegen müsse möglichst abgeschafft werden.

Darauf zielt das Spiel mit dem Ehegattensplitting. Den Familien der oberen Mittelschicht sollen 3000 Euro pro Jahr abgeknöpft werden, um für Alleinerziehende mehr Krippenplätze zu schaffen. Der Effekt dieser Familienpolitik gegen die neue Mitte wird sein, dass die noch weniger Kinder bekommt als jetzt schon. Denn sie braucht vor allem eines: Flexibilität, die sie sich über Haushalts- und Betreuungshilfe erkauft – auch außerhalb von Schulen und Kindergärten. Das allmähliche Verschwinden von Menschen, die mit ihren Kindern leben, aus den Führungspositionen führt wiederum zu einer kulturellen Marginalisierung von Familien. Ein Phänomen, das auch in grünen Führungsgremien schon weit fortgeschritten ist. Fritz Kuhn nennt das eine Gerechtigkeitsfrage. Gerecht findet er es, wenn in einer kinderarmen Gesellschaft die Eltern die Bezahlung für die Betreuung unter sich ausmachen, wenn für die schlechter gestellten Eltern die besser gestellten Eltern zahlen – bis auch sie nicht mehr besser gestellt sind.

In der Summe haben die schwarze und rot-grüne Familienideologie denselben Effekt: Sie entmutigen Männer und Frauen, Kinder zu bekommen. Bei den einen, weil nur die perfekte Familie die wahre Familie sein soll. Bei den anderen, weil sie Frauen, die für einige Jahre „Nur“-Mütter sein wollen, stigmatisieren und die oberen Etagen zum Sperrbezirk für Eltern beiderlei Geschlechts machen. Vielleicht könnte man sich darauf einigen, dass die 70er-Jahre vorbei sind, dass Menschen mit Kindern alles gebrauchen können, nur keine Ideologie.

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