Familie und Neoliberalismus : Wenn die Ehe zum Verhältnis wird

25.09.2011 15:02 UhrVon Norbert Blüm

Die Fixierung aller Arbeit auf Erwerbsarbeit drängt die Familienarbeit ins Aschenputteldasein. Unser Verständnis von Familie nähert sich den neoliberalen Gewohnheiten auf dem Arbeitsmarkt.

Das Optimum der Freiheit ist demnach das Maximum von Wahlmöglichkeiten. Insofern sind Ehe und Familie eine erhebliche Freiheitseinschränkung, denn sie engt die Alleinbestimmung ein. Wenn jedoch zur Freiheit die Selbstverwirklichung durch Verantwortung gehört, sind Ehe und Familie nicht „weniger“ sondern „mehr“ Selbstverwirklichung. Freiheit ohne Bindung ist das Programm eines auf die Spitze getriebenen Individualismus, der nur noch sich selbst kennt. Damit ist der Idiot der Prototyp des Neoliberalismus.

Als Vorprogramm der Mobilisierung und Flexibilisierung dient die Aus- und Verdünnung aller Lebensverhältnisse. Was dünn ist, biegt sich besser und bewegt sich schneller. Jede achte Ehe vollzieht sich bereits in Fernbeziehung. Die von den Ehepartnern geforderte Mobilität verhindert das Zusammenleben der beiden. Sie arbeitet in Berlin, er in München. Telepathie ersetzt Treue und ebnet der Ehe auf Probe den Weg. Die familienfeindliche Mobilität wird flankiert durch die ebenso rabiate Flexibilität. Kein Wochentag ist mehr arbeitsfrei. „Sie“ hat montags ihren „Sonntag“. „Er“ freitags. Feste arbeitsfreie Tage gibt es so wenige wie Festtage. Auch der Sonntag ist Alltag. Mutter, Vater und Kinder treffen sich nur noch im Vorbeigehen. Die Familie ist eine Transithalle. Einen gemeinsamen Tisch gibt es nur noch als Möbelstück.

Der moderne flexible Arbeitnehmer ist ein Jobhopper. Jeder zweite Arbeitnehmer unter 25 Jahren hat keinen normalen Arbeitsvertrag, sondern arbeitet in prekären Arbeitsverhältnissen – befristet, als Leiharbeiter, als Praktikant, auf Probe und so weiter. Wie soll unter diesen Bedingungen eine Familie gegründet werden, die auf halbwegs verlässliches Einkommen angewiesen ist? Nichts ist mehr verlässlich in Ehe und Arbeit.

Als Schutz vor überraschenden Trennungsfolgen empfehlen gutmütige Mitbürger, die das Schlimmste verhindern wollen, die Kündigungsmodalitäten vor Antritt der Ehe und vor Abschluss des Arbeitsverhältnisses zu vereinbaren. Bei Ehe und Arbeit sollen also vorsorglich schon die Bedingungen der Beendigung notariell im Beginn antizipiert werden. Vorauseilende Kapitulation begleitet den Anfang aller Bindungen auf Arbeits- und Ehemarkt. Das ist die Abdankung jedweder Verlässlichkeit.

Die Börse ist die perfekte Optimierung aller Beziehungsvermittlungen. Optimales Anlegen ist permanentes Wechseln der Anlage. Die Börsenwahl ist inzwischen perfektioniert. Der klassische Aktionär verband mit seiner Anlage ein längerfristiges Engagement mit dem Unternehmen, das er mit Kapital versorgte. Der High-Speed-Trader wechselt im Sekundentakt. Der Computer übernimmt blitzschnell alle Reaktionen auf die Kursbewegungen, damit auch nicht Bruchteile von Sekunden bei der Wahl des besten Angebots verloren gehen. 0,001 Sekunden benötigt der Hochfrequenzhandel für sein Geschäft. Das nenne ich die Perfektionierung der Optimierung. Sie macht den Menschen als Entscheidungsträger überflüssig.

Damit ist von dem ganzen Geschäft der Vorwand der Freiheit weggerissen und hinter dem Vorhang erscheint die blanke Fratze der Geldgier. Aktienmarkt, Arbeitsmarkt und Heiratsmarkt nähern sich an. In allen drei Märkten geht es um Beschleunigung: Vorteilsversuchung durch Erhöhung der Transaktionsfrequenz.

Ehe- und Arbeitspartner sollen offenbar wie Schnäppchenjäger agieren. Der ist bekanntlich kein Stammkunde, sondern ein vagabundierender Nutzenmaximierer, dessen Hauptberuf die Vorteilskalkulation ist. Der Abbau der Institutionen, zu denen Ehe- und Arbeitsvertrag gehören, ist die Quelle von Unsicherheit und Angst, welche die neoliberalen Kulturrevolutionäre befördern.

Norbert Blüm. Der Autor war von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Foto: Gerd Nowakowski
Norbert Blüm. Der Autor war von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. - Foto: Gerd Nowakowski

PS. Es war das Ziel der maoistischen Kulturrevolution, die Ehe zum Verschwinden zu bringen. Zwei Wochen und vier Dollar sollten nach dem Willen der Kulturrevolutionäre genügen, um die Eheauflösung zu bewerkstelligen. Schon vor Mao hatte Karl Marx im kommunistischen Manifest dem Kapitalismus fast bewundernd bestätigt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung mit nüchternen Augen zu sehen“. Schafft der Kapitalismus, was Marx und Mao nicht geschafft haben? Dann wären die Neoliberalen überraschenderweise die Testamentsvollstrecker des Marxismus.

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