Familien und Kinder : Ein Lob des Teilzeitjobs

Geringere Rente, größere Lebensqualität – die Bilanz nach vielen Jahren Teilzeit ist eindeutig positiv.

Jutta Hertlein
Wer immer nur arbeitet, sieht so etwas selten - eine Halloween-Party in Tiergarten.
Wer immer nur arbeitet, sieht so etwas selten - eine Halloween-Party in Tiergarten.Foto: dpa

Frauen riskieren Altersarmut, wenn sie nach der Elternzeit nicht schnell in ihre alte Ganztagsstellung zurückkehren. Das lese ich allenthalben. Dann frage ich mich, wer das Leben, das hier vorgeschlagen wird, tatsächlich gelebt hat.

Nach acht Jahren freiberuflicher journalistischer Arbeit stieg ich wieder mit einer vollen Stelle als Redakteurin ein, als unsere Kinder sieben und acht Jahre alt waren. Und so sah der Alltag aus: Beide Eltern gingen zwischen 7 und 8 Uhr aus dem Haus und kamen gegen 17 und 18 Uhr zurück, wobei wir von eher kurzen Wegzeiten und Mittagspausen profitierten. Für die Kinder war gesorgt. Am Abend blieb noch Zeit, die Schularbeiten nachzusehen, zu essen – Ende. Ein Arztbesuch, ein Kindergeburtstag – mit Erkundigung, welches Geschenk willkommen wäre, es zu besorgen, das Kind hin und zurück zu transportieren – wurde zum Problem.

Die Verfechter der Vollzeitarbeit für Mütter – ob überhaupt betroffene Frauen in „normalen“ Berufen zu den Verfechtern gehören, zweifle ich an – kommen nach meinem Eindruck oft aus Bereichen, wo feste Arbeitszeiten mit regelmäßiger Anwesenheit vom Morgen bis zum späten Nachmittag unbekannt sind. Oder sie haben noch alte Berliner Zeiten im Kopf. Viele Menschen arbeiteten im öffentlichen Dienst und der war großzügig besetzt. Eine Frau, die aus familiären Gründen mal einen Tag „krank“ zu Hause blieb, musste kein allzu schlechtes Gewissen haben. Aber es gab auch in Berlin schon immer Arbeitsplätze mit Termindruck, wo das nicht möglich war, und dieser Trend hat sich bekanntlich verstärkt.

Jutta Hertlein ist Publizistin und war bis 2006 Abgeordnete der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus.
Jutta Hertlein ist Publizistin und war bis 2006 Abgeordnete der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus.Foto: promo

Mich erwischte nach einem Jahr Ganztagsarbeit in einer besonders anstrengenden Phase eine Gesichtsrose, die fast den Augennerv irreparabel geschädigt hätte. Das war ein Warnsignal, das mich bewog, wenig später die Chance einer Teilzeitstelle zu ergreifen. In den folgenden gut 21 Jahren hatte ich nie wieder ernsthafte Gesundheitsprobleme. Die Wirkung meiner beruflichen Veränderung auf das Familienbudget war erstaunlich gering. Vorher zwei Gehälter in Steuerklasse 4, danach eins in Klasse 3, mein halbiertes in 5 – die finanzielle Einbuße war zu verkraften und wurde durch den Gewinn an Lebensqualität mehr als wettgemacht.

Natürlich merke ich das an meiner Rente. Aber ich mache folgende Rechnung auf, auch für andere Paare in meinem Umkreis, die jetzt, wie mein Mann und ich, gemeinsam alt geworden sind. Meist waren es die Frauen, doch manchmal auch die Männer, die der Familie, den Kindern zuliebe beruflich zurücksteckten. So wurde die Anspannung nie zu groß, obwohl die Partner (wie ich von uns weiß und von anderen Paaren ahne) keine Muster an Langmut und Geduld waren und sind. Gelang es den Erwachsenen nach dem Motto „Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht“ an der Verbindung festzuhalten, zu der einmal beide Ja gesagt hatten, behielten die Kinder ihre Elternhäuser. Allen blieb viel Kummer erspart und, was in diesem Zusammenhang ebenfalls schwer wiegt, es entstanden keine Kosten für Scheidung, Umzüge, zwei Haushalte. Das Vollzeitgehalt jedenfalls einer Normalverdienerin hätte einen solchen finanziellen Aderlass wohl kaum ausgeglichen.

Der Teilzeitjob ermöglichte es mir, das in jungen Jahren abgebrochene Studium wieder aufzunehmen und abzuschließen. Er brachte es auch mit sich, dass meine Mitarbeit in einer politischen Partei, eigentlich als sinnvolle Freizeitbeschäftigung gedacht, intensiver wurde, zu einem Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus und damit zu einer zweiten Rente führte.

Ein Sonderfall. Trotzdem bin ich keineswegs die Einzige in meinem Umfeld, die eine positive Bilanz des Teilzeitjobs zieht.

Die Autorin ist Publizistin und war bis 2006 Abgeordnete der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus.

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