Meinung : Familienbericht: Migration, Irritation, Integration

Tissy Bruns

An der Stellung der Frau, hat August Bebel einmal gesagt, lasse sich der Grad der Emanzipation in der Gesellschaft ablesen. An den Familien ausländischer Herkunft, könnte man hinzufügen, zeigen sich wie im Vergrößerungsglas die Potenziale und Probleme moderner Gesellschaften. Mit bekannten und neuen Erkenntnissen beleuchtet der sechste Familienbericht, dass die Probleme der Migranten nicht anderes sind als ein besonders scharfer Spiegel der Differenzierungen und Pluralisierung unserer Gesellschaft. Übrigens auch ihrer Erfolge: "Familie" ist für Integration und Erfolg der Zuwanderer ein Schlüsselbegriff: als persönlicher Rückhalt in der neuen Umgebung, aber auch als mögliches Hindernis bei der sprachlichen Anpassung.

Die umfangreiche Untersuchung über die Familien ausländischer Herkunft ist eine Fundgrube mit einfachen und schillernden Erkenntnissen. Zu den einfachen gehört die Feststellung, dass Wanderung in der modernen Welt Alltag ist. Den größten Teil der hier lebenden Menschen ausländischer Herkunft machen die Arbeitsimmigranten der 60er und 70er Jahre aus. Deren Integration ist aber kein abgeschlossenes, nicht einmal ein zeitlich begrenztes Projekt. Die Rückwanderung, die Pendel- und Heiratsmigration dieser Menschen - die für das Bedürfnis nach familialem Zusammenhalt in beiden Kulturen stehen - führen zu anhaltender Dauerwanderung.

Im Deutschland des Jahres 2000 gibt es die ausländische Familie nicht. Es gibt viele höchst verschiedene Familien, in denen einzelne oder alle Mitglieder (noch) keinen deutschen Pass haben. Es gibt aber auch Familien mit durchweg deutschen Pässen, die als Aussiedler hierher gekommen sind. Die "Familien ausländischer Herkunft" zeigen ein so differenziertes Bild wie die Familien überhaupt. Eine der kleinen Überraschungen ist etwa die Statistik über die emotionale Zustimmung zu Kindern. Dass Eltern türkischer Herkunft hier den Spitzenplatz belegen, konnte man erwarten. Weniger, dass dann die deutschen Väter und Mütter folgen. Und schon gar nicht, dass italienische Väter bei dieser Frage das Schlusslicht bilden.

Ein einziges allgemeines Unterscheidungsmerkmal zwischen "deutschen" und "ausländischen" Familien arbeitet der Bericht heraus. In der deutschen Familienkultur werden die Individualrechte stärker betont als in zugewanderten Familien. Diese begreifen Migration als ein "Familienprojekt", das mehrere Generationen umfasst. Ein interessanter Befund, der allerdings keine eingleisigen Schlussfolgerungen erlaubt. Die eher "korporatistischen" Familienstrukturen der Migranten dürfen keinesfalls nur als Modernitätsrückstand verstanden werden, der sich spätestens in der dritten Generation verliert.

Es leuchtet ein, dass der Rückhalt in der Familie für die Integration in die Mehrheitsgesellschaft wichtig ist. Darüber hinaus ist der Generationen übergreifende Zusammenhalt offenbar auch der Motor für die Mobilität, die eine moderne Gesellschaft von ihren Bürgern verlangt - und deren Fehlen bei deutschen Schülern und Studenten gelegentlich beklagt wird. Weil Migration ein Familienprojekt ist, braucht eine Migrationsgesellschaft Sicherheit und Langfristigkeit der Aufenthaltsperspektive für ihre Zuwanderer und für sich selbst.

Die Botschaft der Sachverständigen an die Politik ist hier ganz eindeutig: Je kürzer die Eltern voneinander und die Kindern von ihren Eltern getrennt sind, desto geringer die Gefahren. Doch der Integrationserfolg hängt auch an der Lern- und Änderungsbereitschaft in den Familien ausländischer Herkunft. Am Spracherwerb hängen die Bildungschancen - da hinken die Migrantenkinder unverändert hinterher. Über den Spracherwerb aber wird in der Familie entschieden, und zwar von den Müttern. Je stärker ihre Stellung in der Familie und der Mehrheitsgesellschaft - desto besser für alle.

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