Meinung : Familienpolitik: Hehre Worte, leere Wiege

Bernd Ulrich

Wenn man die Krokodilstränen, die über die Lage der Familie vergossen werden, sammeln und auf Flaschen ziehen könnte, dann bräuchte in Deutschland nie wieder ein Kind Durst zu haben. Tatsächlich hat es einen anderen Effekt, wenn die Parteien die Familie ins Zentrum des Wahlkampfes rücken. Es geht mit großem Schwung immer tiefer in die Problematisierungsfalle. Denn der Subtext, den die Zeugungszweifler aus den Debatten heraushören, lautet so: "Es ist wahnsinnig anstrengend, karrierehemmend und unsexy, Kinder zu haben. Weil es aber zugleich eine so wichtige staatsbürgerliche Aufgabe ist, wollen wir Politiker jetzt endlich ganz viel Geld ausgeben, damit Kinderkriegen leicht wird und mit der Karriere gut vereinbar. Wählt uns, dann wird der erste Schrei zum letzten Schrei!"

Aus irgendwelchen Gründen, möglicherweise aus empirischen, glauben die Zeugungszweifler zwar, dass Kinder etwas Hochproblematisches sind, nicht aber, dass die Politik dagegen etwas Relevantes tun wird. Darum hat die Debatte eine verhütende Wirkung, wie sie allenfalls von der Anti-Baby-Pille übertroffen wird: Die Problematisierung verschärft das Problem. Andererseits kann man die Angelegenheit auch nicht totschweigen, weil ja wohl mit dem Kinderkriegen in Deutschland etwas schief läuft. Man müsste also anders darüber reden, woanders anfangen.

Vielleicht so: An zwei großen Problemen doktern diverse Regierungen seit vielen Jahren herum, an der Gesundheits- und der Rentenreform. Beides hat bisher wenig Effekt gehabt, stattdessen sind die Beiträge, trotz Ökosteuer, gestiegen. Nach jeder Reformrunde wundern wir uns wieder, warum die ganze Reformiererei wenig gebracht hat. Dabei ist es leicht zu erklären. Am Grund beider Probleme steht eine leere Wiege - Überalterung, Demografie, wie immer man es nennen möchte.

Es sollte mal jemand ausrechnen, wie teuer es diese Gesellschaft zu stehen kommt, dass sie sich weniger vermehrt als die meisten unserer Nachbarn. Hineinrechnen müsste man einen Teil der Kosten für die Integration von Ausländern, die den Bevölkerungsschwund ausgleichen, außerdem die Folgen für das Wachstum, die Innovationsfähigkeit und den Arbeitsmarkt. Heraus käme eine gigantische Summe; heraus käme, dass die Demografie ein, wenn nicht das zentrale Problem unserer Gesellschaft ist, das uns nur nicht so zentral vorkommt, weil es unter den Tarnnamen Rente, Gesundheit, Lohnzusatzkosten oder Zuwanderung auftritt.

Wie aber gehen Gesellschaft und Politik bisher mit diesem Zentralproblem um, abgesehen davon, dass sie ergebnislos an den Symptomen herumreformieren und dafür seit Jahrzehnten Geld und Aufmerksamkeit verplempern? Die Betreuung der Kinder ist im Durchschnitt äußerst dürftig. Ganztägige Betreuungsplätze für kleine Kinder gibt es zu wenige, die Schulen finden auch nur halbtags statt, und sie sind unterversorgt, die Lehrerschaft ist überaltert, die Gebäude sind oft marode. Die Fakten sprechen also eine ganz eindeutige Sprache. Aus jedem Knopfloch sagt die Politik den Eltern und den Zeugungszweiflern, dass sie nicht bereit ist, viel in diese Kinder, in die Eltern und damit in eines der größten Defizite dieser Gesellschaft zu investieren.

Dahinter stecken lauter glasklare Prioritätensetzungen: Das Rentensystem belohnt Kinderlosigkeit. Das Interesse der Lehrer an einem sicheren Vollzeitarbeitsplatz ist wichtiger als das Interesse der Schüler an jüngeren Lehrern. Der Erhalt sinnloser öffentlicher Arbeitsplätze ist wichtiger als die Verbesserung der Schulsituation. Und so weiter, und so fort. Wer das wirklich ändern wollte, wäre ein Kulturrevolutionär, der sich mit starken, auch lautstarken Interessen anzulegen hätte. Echte Familienpolitik wäre kein weiches, kein wohlfeiles, es wäre ein hartes, für Politiker riskantes Thema.

Darum ist das einzig glaubwürdige Geräusch, das zum Kinderkriegen ermuntern könnte, der Aufschrei derer, zu deren Ungunsten die revolutionäre Umwertung ausginge. Solange da nichts zu hören ist, muss man davon ausgehen, dass alles wieder nur Gerede ist und wohlhabendere Eltern für die weniger wohlhabenden zahlen sollen. Eltern für Eltern. Man dankt. Und verhütet.

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