Meinung : Familienstudie: Von Kindern lernen

Es gibt kein Patentrezept für eine schöne Kindheit. Aus Kindern, die von allein Erziehenden groß gezogen werden, können zufriedene Erwachsene werden, Kinder aus so genannten Patchwork-Familien sind nicht zwangsläufig unglücklich. Was brauchen Kinder? Jemanden, der sie bedingungslos liebt, so, wie sie sind, und der für sie da ist. Jemanden, der versucht, für sie sein Bestes zu geben. Natürlich ist es besser, wenn zwei Menschen sich diese Aufgabe teilen.

Christine Bergmann, die Familienministerin, hat gestern ihre "Väterstudie" vorgestellt. Erster Satz der Bekanntmachung: "Es gibt eine neue Generation von Vätern." Ist das wirklich so?

Fast zwanzig Prozent der allein Erziehenden sind heute Männer: 332 000 alleinerziehende Väter, laut Familienministerium. Das ist mehr, als man erwartet hätte. 1,6 Prozent der Väter nehmen Erziehungsurlaub. Dies wiederum ist sehr wenig. Die Väter, die ein Münchner Institut für das Ministerium befragt hat, möchten sich in ihrer großen Mehrheit nicht auf die Rolle eines Ernährers beschränken lassen, nein, sie möchten Erzieher sein, eine aktive Rolle spielen, Werte und Tugenden vermitteln, ganz vorne liegen dabei Selbstbewusstsein, Ehrlichkeit und Toleranz. Die neuen Werte. Gehorsam und Ordnungssinn dagegen vermittelt der moderne Vater nicht so gerne. Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Aus dem traditionellen Kampf um das Kinderzimmer, das aufgeräumt werden soll, hält auch der moderne Vater sich lieber heraus.

Trotzdem - offenbar hat ein Gesinnungswandel stattgefunden, und zwar an jenem Ort, der für Gesinnungswandel traditionell zuständig ist: im Kopf. Die Taten dagegen sehen deutlich bescheidener aus. Der neue Vater trägt an dem Bewusstsein, für seine Kinder verantwortlich zu sein, und dies nicht nur finanziell, aber der Beruf hat im Zweifelsfall eben doch Vorrang. Die Männer wollen Entscheider sein und Geld verdienen. Muss man es den Männern übel nehmen? Fordern nicht viele Frauen für sich genau das, was die Männer sich schon genommen haben, oft auf Kosten der Frauen, nämlich die Freiheit, Kinder zu haben und Karriere zu machen?

An dieser Stelle der Argumentation ertönt normalerweise der Ruf nach staatlicher Kinderbetreuung, nach Job Sharing und flexiblen Teilzeitstellen, das alles ist richtig. Aber nicht nur die Kinder brauchen Erwachsene, auch die Erwachsenen brauchen Kinder. Wer mit Kindern umgeht, lernt etwas. Flexibilität zum Beispiel, Stress-Resistenz, Duldsamkeit, den sensiblen Umgang mit Macht, das, was die Psychologen "emotionale Intelligenz" nennen. Das sehen die Firmenleiter nicht, die glauben, dass sich Jobs ab einer bestimmten Stufe der Karriereleiter nur auf der Basis einer 60-Stunden-Woche erledigen lassen. Sie glauben, dass Workaholics die besten Entscheider sind. Sie begreifen nicht, dass es, je höher einer steigt, desto mehr auf Menschenkenntnis ankommt, auf die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Interessen zu vermitteln, Kompromisse auszuhandeln, Entwicklungspotenziale einzuschätzen, schwierige Charaktere zu integrieren, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, zu ermutigen, zu kritisieren und zu korrigieren, ohne verletzend zu sein. All das kann man lernen, wenn man sich mit Kindern beschäftigt. Es ist eine Charakterschule, vielleicht die beste.

Sind Beruf und Familie also ungefähr das Gleiche? Die neuen Väter scheinen mehrheitlich dieser Ansicht zu sein. Denn sie wollen ja vor allem "Erzieher" sein. So neu klingt das auch wieder nicht. Die Mutter kümmert sich um den Alltag, das Kinderzimmer zum Beispiel, der Vater gibt die Richtung vor. Er setzt die Werte. Der Vater kommt abends nach Hause, erklärt das Grundsätzliche, hält eine Standpauke, das Entscheiden ist er ja gewohnt. Ein Familienkanzler, mit Richtlinienkompetenz: sehen so die neue Väter aus? Kinder müssen erzogen werden, das stimmt. Das Wort "Erziehung" hatte ein paar Jahre lang im liberalen Milieu einen schlechten Klang, da irrten sich die Liberalen. Die Basis von allem aber sind Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit. Das brauchen Kinder mehr als alles andere. Erst, wenn sie es von den Vätern genau so bekommen wie von den Müttern, wird das Wort "neue Väter" mehr sein als eine Floskel.

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