Fankult : Lernen von Mickey Rourke und Morrissey

Ihr Musikgeschmack ist teilweise sehr zweifelhaft. Doch auch wenn man kein Fan ist, kann man von Künstlern wie Morrisey, J.M. Coetzee, Paddy McAloon oder Mickey Rourke etwas lernen.

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Die Autobiografie von Morrissey ist in England auf Platz 1 der Bestsellerlisten.
Die Autobiografie von Morrissey ist in England auf Platz 1 der Bestsellerlisten.Foto: dpa

Als junger Mensch hatte ich nie Poster in meinem Zimmer hängen von Menschen, die ich toll fand, denn die Wahrheit ist: als junger Mensch fand ich niemanden toll, ich lehnte eigentlich alles ab. Erst mit den Jahren habe ich gelernt, gewisse Leistungen anzuerkennen, aber ein Fan bin ich nie geworden. Ein Freund verehrte mit 17 den Sänger Axl Rose von der Band Guns’n’Roses, der bei Auftritten oftmals ein T-Shirt trug mit der Aufforderung „Kill Your Idols“. Mein Freund bestellte sich daraufhin auch so ein T-Shirt und zeigte es mir eines Tages voller Stolz. Ich habe das alles nicht verstanden.

In der vergangenen Woche schrieb ich an dieser Stelle bereits über das Erscheinen der Autobiografie von Morrissey, ehemaliger Sänger der britischen Band The Smiths. Das Buch ist in England auf Platz 1 der Bestsellerlisten, ich lese es auch gerade, denn meine Haltung zu Morrissey kommt einem Fandom wahrscheinlich noch am nächsten. Mit seinen Liedern half mir der Mann desöfteren schon aus der Patsche, es gibt Zeilen und Melodien von Morrissey, für die ich ihm sehr dankbar bin, weil sie einiges erträglicher gemacht haben.

Lernen von Mickey Rourke

So geht es mir auch mit den Büchern des Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee. Als ich dessen Roman „Schande“ im Jahr 2000 las, war ich glücklich erschüttert über die Sprache, die der Mann gefunden hat. Seitdem habe ich alles gelesen, was er geschrieben hat, im Moment seinen neuen Roman „Die Kindheit Jesu“.

Anders erschüttert war und bin ich immer wieder über die Leistung des Schauspielers Mickey Rourke. Durch seine Darstellung in den Filmen „Diner“ und „Rumble Fish“ lernte ich viel über männliche Lässigkeit, durch die Auswahl seiner Filme in den 90er Jahren lernte ich viel über das Scheitern, und als er dann vor zwei Jahren für seine Rolle in „The Wrestler“ für den Oscar nominiert wurde, lernte ich etwas über das Zurückkommen.

In diesem Jahr ist auch Paddy McAloon zurückgekehrt, unter dem Bandnamen „Prefab Sprout“ veröffentlichte er vor einigen Wochen eine neue Platte, Jahre nach der letzten. „Crimson/Red“ ist so wunderschön, so zauberhaft, so perfekt wie man sich Popmusik eigentlich nur im Traum vorstellt. Die Lieder, die McAloon jetzt schon seit Jahrzehnten komponiert sind Erinnerungen an eine Jugend, die man gerne gehabt hätte.

Musik zum Weglaufen

Morrissey, Coetzee, Rourke, McAloon – ich würde mir immer noch keine Bilder dieser vier Männer aufhängen, aber ihr Tun spielt in meinem Leben eine Rolle. Aber sie selbst? Rourke, Coetzee und Morrissey haben eine Gemeinsamkeit, sie engagieren sich sehr für den Schutz der Tiere, in den Werken von Coetzee und Morrissey spielt das immer mal wieder eine Rolle. Jetzt will ich nicht behaupten, dass mir Tiere egal wären, ich bin ja kein Arschloch. Aber das Engagement ist mir fremd – um so verblüffter war ich, als ich diese Parallele feststellen musste. Sagt das am Ende doch etwas über mich aus? Warum bin ich ein Anhänger von Männern, die sich den Tierschutz auf die Fahne geschrieben haben? Was fehlt mir, dass ich diesem Beispiel nicht folge? Wenn ich ein Fan wäre, ein richtiger Fan, würde ich mich dann auch vegetarisch ernähren?

In seiner Autobiografie schreibt Morrissey auch über Musik, die ihn begeistert, die er liebt. Es handelt sich hierbei um Musik zum Weglaufen, unter anderem von der Band „New York Dolls“ und von Sängerinnen, die in den 70er Jahren mal beim Grand Prix aufgetreten sind. Paddy McAloon hat kürzlich für ein Magazin eine Liste mit Liedern erstellt, die ihm etwas bedeuten, mit den meisten Liedern kann ich überhaupt nichts anfangen – McAloon verehrt auch Jimmy Webb. Der Mann hat „Mac Arthur Park“ komponiert, ein Lied, das es in einer Liste der „schlechtesten Songs aller Zeiten“ auf den ersten Platz geschafft hat.

Vielleicht ist an dieser Kill-Your-Idols-Idee doch was dran.

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