Fast Food : ''Mein Traum? Mit McDonald’s nach Istanbul!''

Mitten drin im Kulturkampf: Ein Porträt von Belgin Güzel, Chefin der McDonald's-Filiale in Kreuzberg.

André Görke

Das hellblaue Hemd sitzt perfekt, Belgin Güzel rückt den Krawattenknoten zurecht – „kann’s losgehen?“, flüstert sie. Die Kollegen aus der Konzernzentrale nicken, Güzel atmet tief durch und reißt energisch die Tür auf: „Herzlich Willkommen bei McDonald’s in Kreuzberg!“

Alle Fernsehkameras sind auf sie gerichtet, die Fotografen drücken im Kollektiv – klick, klick, klick! – auf die Auslöser, Güzel lächelt. Es ist 10 Uhr 18 im Wrangelkiez.

Seit vier Stunden ist die neue Leiterin der ersten McDonald’s-Filiale in Kreuzberg auf den Beinen. Sie war „ein bisschen nervös“, erzählt sie später, ihr Mann habe sie morgens in Neukölln bis zur Garage begleitet, dann sei sie „einfach losgefahren“. Und nun steht sie in ihrer Filiale, um die es so lange einen, ja, Kulturkampf gab.

Darf McDonald’s nach Kreuzberg? Es blieb nicht nur bei Kritik von Politikern, Schulleitern und nicht nur bei „Fuck McDoof“-Parolen am Bauzaun. Es flogen auch Farbbeutel und Steine. „Ich finde das traurig“, sagt Güzel. Aber Angst? „Nein, die habe ich nicht.“

Sie ist 34 Jahre alt, in Wedding geboren, Türkin mit arabischer Abstammung. Güzel hat vorher am Potsdamer Platz gearbeitet und in der Filiale in der Karl-Marx-Straße in Neukölln, in insgesamt sieben Läden von McDonald’s in Berlin.

Die Filiale in Kreuzberg mit ihren fast 60 Angestellten ist die erste, die sie leitet. „Es ist eine gewisse Ehre“, sagt sie. Sie lächelt, verschränkt die Arme vor ihrem Bauch, streicht mit den Fingern nervös über den Pullover. Nachdem sie ihr erstes Fernsehinterview in ihrem Leben gegeben hat, schaut sie zu einer PR-Kollegin von McDonald’s. Die nimmt sie in den Arm und sagt leise: „Hast du gut gemacht, Belgin.“

Mit Güzel hat der Konzern clever agiert: eine Frau, eine Türkin, groß geworden in Migrantenvierteln. Da steht auf einmal kein Kapitalmonster hinter dem Tresen, sondern eine ganz normale, etwas unsichere Berlinerin aus dem Kiez.

Sie ist seit 1991 bei McDonald’s, hat sich konsequent hochgearbeitet, von der einfachen Auszubildenden hin zur Fachfrau für Systemgastronomie, „IHK-geprüft“, sagt sie, etwas zu laut. Und ihr Traum? „Einmal eine Filiale von McDonald’s in Istanbul leiten“, sagt sie und kichert.

Am Abend trifft sie sich mit ihrem Mann. Sie wollen fein essen gehen, auf den ersten Tag anstoßen, den Trubel vergessen. Sie sagt es nicht so direkt: Aber sie wird nicht bei McDonald’s speisen. André Görke

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