Meinung : „Faustisches Erkenntnisinteresse“ oder Dünnbrett-Arbeit

Berichterstattung zu Promotionen in Deutschland

Neben einer Berufstätigkeit zu promovieren, bedarf einer erheblichen Anstrengung. In der Regel vergehen viele Jahre, bis die Dissertation abgeschlossen ist. Dass künftig nur derjenige promovieren sollte, der „sich einige Jahre ausschließlich seiner Promotion“ widmet, ist absurd. Ein hoher zeitlicher Aufwand garantiert nicht für „wissenschaftlich Innovatives“ und ein geringerer zeitlicher Aufwand heißt noch nicht „wissenschaftlich schwach“... Und wie will Professor Günther schließlich feststellen, ob der Doktorand ein „Faustisches Erkenntnisinteresse“ habe? Übrigens: Faust wendet sich von der Wissenschaft ab. Aber das ist „ein weites Feld“, wie der alte Briest sagen würde.

Dr. Eva Krüger, Berlin-Grunewald

Wenn der Präsident der Universität Potsdam, Herr Professor Oliver Günther, aus Anlass prominenter Täuschungsfälle nebenberuflich promovierende Berufstätige pauschal mit der Bezeichnung „Mickymaus-Promotionen“ diffamiert, so ist dies nicht nur von der Form her unangemessen, sondern für eine Vielzahl von Studienfächern auch völlig realitätsfremd.

Die Zeiten, in denen sich die besten Absolventen eines Jahrgangs für eine Hochschulkarriere begeistern konnten, sind spätestens seit Einführung der W-Besoldung und der durch „Kaputtsparen“ geprägten Stellenstruktur im Hochschulbereich vorbei. In vielen Fächern kommen die wichtigsten Impulse für die Fortentwicklung der Wissenschaft aus der Praxis und nicht zuletzt auch von den gescholtenen nebenberuflich promovierenden Berufstätigen.

Kann es zudem nicht eine weitaus größere Leistung darstellen, wenn sich engagierte Praktiker neben ihrem Beruf unter „Opferung“ von Wochenenden, Abenden und Urlaubstagen in die Fortentwicklung der Wissenschaft einbringen, als wenn dies jemand auf Kosten der Steuerzahler über mehrere Jahre hinweg im manchmal auch recht gemütlichen Elfenbeinturm der Universität tut?

Dr. jur. Dr. phil. Christian Schulte,

Berlin-Frohnau

Es ist sicherlich zu begrüßen, wenn der Präsident der Uni Potsdam etwas gegen fragwürdige Promotionen und „Hobby-

Doktoranden“ tun möchte. Seinem Vorschlag, nur diejenigen zuzulassen, die sich einige Jahre ausschließlich ihrer Promotion widmen, möchte ich jedoch ganz entschieden widersprechen.

Ich hatte in gut 30 Jahren Gelegenheit, eine erhebliche Anzahl von Promotionen teils selbst zu betreuen, teils aus der Nähe mitzuerleben, die aus einer aktiven Berufstätigkeit heraus entstanden und, bei hohem Arbeitseinsatz, zu wertvollen und zweifelsfreien wissenschaftlichen Ergebnissen führten.

Ich denke, zumindest die Ingenieurwissenschaften würden auf Promotionen aus der Praxis heraus keinesfalls verzichten wollen. Der Kollege Günther schüttet hier meines Erachtens ein wenig das Kind mit dem Bade aus. Es sollte doch möglich sein, im Einzelfall herauszufinden, ob jemand ein echtes Erkenntnisinteresse hat (das meinetwegen auch „faustisch“ genannt werden könnte) oder mit einer Dünnbrett-Arbeit zu einem karriereförderndem Dr.-Titel gelangen möchte – und sich als Universität entsprechend zu verhalten.

em. Prof. Dipl.-Ing. Horst Linde, TU Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr

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