Meinung : „Favoritin sein ist doch schön“

Helen Ruwald

Die Haare hat sich Kati Wilhelm gerade noch einmal frisch gefärbt, damit sie im olympischen Schnee besonders leuchten. Der rote Haarschopf, kreiert mit geheimer Rezeptur, unter einer ebenfalls roten Mütze ist das Markenzeichen der 29 Jahre alten Biathletin, die heute Abend bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Turin die deutsche Fahne tragen wird. Erste Wahl war die Thüringerin nicht, Biathlon- Weltmeisterin Uschi Disl hatte vorher ebenso auf die Ehre verzichtet wie Rodel-Urgestein Georg Hackl. Zu viel Stress, befanden sie. Wilhelm ist nicht beleidigt, dass sie nur Nachrückerin ist. Und Angst, dass sie Kraft vergeudet beim Fahnenschwingen, hat sie auch nicht. „Ich bekomme einen Extratransport mit Blaulicht nach Turin. Und einen Tennisarm hat auch noch niemand vom Tragen der Fahne bekommen“, sagt sie.

Vier Weltcuprennen hat Kati Wilhelm in dieser Saison gewonnen, sie führt im Gesamtweltcup und ist die große Favoritin auf Gold. Andere zerbrechen unter solchem Erwartungsdruck, Kati Wilhelm sagt schlicht: „Favoritin sein ist doch schön.“ Schon 2002 in Salt Lake City holte sie zweimal Gold und einmal Silber. Ein Jahr zuvor war sie, die Exotin, erstmals Weltmeisterin geworden und hatte nicht nur die Konkurrenz, sondern auch sich selbst verblüfft. Schließlich war die Frau aus Zella-Mehlis Quereinsteigerin und war zwei Jahre zuvor noch im Langlauf-Weltcup am Start gewesen. Als der Erfolg dort ausblieb, versuchte sich Wilhelm, die Hauptfeldwebel in einer Sportfördergruppe der Bundeswehr ist, am Gewehr und zeigte gleich Talent.

Mehrere deutsche Biathletinnen sind stark genug für eine Medaille, doch Kati Wilhelm ragt nicht nur wegen ihres roten Haarschopfes heraus. Die meisten ihrer Kolleginnen sind auch im übertragenen Sinne farblos. Wilhelm hingegen hat wie ihre bayerische Trainingskollegin Uschi Disl ihren eigenen Kopf, ist locker und unkompliziert, ohne sich verbiegen zu lassen. Auch bei deutschen Sponsoren kommt sie an. Mit ihrem Biathlon-Kollegen Sven Fischer hat sie gerade ihren ersten Fernseh-Werbespot für eine Bank gedreht.

Doch Kati Wilhelm eckt manchmal auch gehörig an. Als sie vor eineinhalb Jahren von Thüringen nach Bayern zog, um in Ruhpolding aus dem alten Trott auszubrechen, beschimpften Fans die vermeintliche Heimatverräterin im Gästebuch ihrer Webseite. Wie gut ihr der Ortswechsel getan hat, zeigt diese Saison, in der Kati Wilhelm ein ums andere Mal auf dem Podest gestanden hat. Auf ihre Olympia-Einsätze will sie sich wie auf ein Weltcuprennen vorbereiten: „Vorher eine Banane essen und vor dem Start Handschuhe und Mütze wechseln sowie ein Pfefferminzbonbon lutschen.“

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