Meinung : FDP-Parteitag: Guido für fast alle

Robert Birnbaum

Die "Generation Guido" hat das große deutsche Nachrichtenmagazin schon vorher ausgerufen. Das Risiko war insofern gering, als an der Wahl Guido Westerwelles zum FDP-Vorsitzenden seit Monaten kein Zweifel herrscht. Das Risiko war insofern hoch, als keineswegs von vornherein feststand, dass der Vorsitzende auch genug Chef sein würde, um als Namenspatron einer kompletten Feuilleton-Kategorie herzuhalten.

Seit einer knappen Stunde am Samstagabend in der Düsseldorfer Stadthalle steht fest: Er wird. Westerwelle hat den ewigen Gegenvorsitzenden Möllemann in einem Auftritt niedergerungen, der im bitteren Ernst ein Rededuell war und nicht nur im üblichen übertragenen Sinne. Er hat auf seine Autorität gepocht, und er hat sie durchgesetzt. Die FDP hat nicht einfach nur einen neuen Chef. Sie hat einen Chef.

Das ist für die kleine Partei mit den großen Ambitionen nicht die einzige, aber schon einmal eine notwendige Bedingung für künftige Abenteuer. Es ist ja nicht nur so, dass da jetzt einer als Nummer eins im Rampenlicht steht, der schon bisher als Nummer eineinhalb nicht über Mangel an Aufmerksamkeit klagen konnte. Westerwelles Wahl wird die Folge haben, dass die Generation Gerhardt so gut wie vollständig von der Bühne verschwinden wird. Das ist für eine Partei mit einer so uneinheitlichen Basis wie den Freidemokraten nicht ohne Risiko. Dass ihm diese Gefahr zumindest bewusst ist, hat Westerwelle in seiner Abschlussrede bewiesen. So wenig hipp war Guido selten. Es sprach Herr Westerwelle.

Dieser Prozess der Verwandlung ist keineswegs abgeschlossen. Die FDP hängt theoretisch dem Glauben an, dass sie den Zeitgeist der Gegenwart und vor allem der näheren Zukunft repräsentiert und darum unweigerlich zur Volkspartei der Zukunft wird. Praktisch weiß Westerwelle, dass das "Projekt 18" auf etwas ganz anderes hinausläuft: die Verwandlung der Klientelpartei in eine Multi-Klientel-Partei. Der Austausch der Generation Gerhardt gegen die Generation Guido bringt nämlich zunächst einmal nicht mehr, sondern andere Wähler. Bestenfalls.

Mehr Wähler bekommt eine Oppositionspartei nur, wenn sie sich der Unzufriedenen annimmt. Das klingt moralisch etwas anrüchig, ist es aber gar nicht: Wer von einer Partei zu einer anderen wechselt, tut dies aus Unzufriedenheit; wer, statt die Wahl zu verweigern, wieder zur Urne geht, tut das aus neu erwachter Hoffnung. Bei einer großen, allgemeinen Unzufriedenheit ist das Ergebnis ein Austausch zwischen den Großen - siehe Helmut Kohls Abgang. Die Chance der Kleinen liegt in den vielen kleineren Unzufriedenheiten. Westerwelles inhaltliche Schwerpunkte - Bildungspolitik, Mobilität, soziale Marktwirtschaft - zielen genau auf solche Probleme, für die keine der großen Parteien ein Lösungsmonopol hat.

Guidos Welt wird infolgedessen bunt: Es wird einen Tabubrecher-Guido für die Jüngeren geben, einen Autofahrer-Westerwelle, einen Marktwirtschafts-Westerwelle für den mittleren und einen Sozial-Guido für den kleinen Selbstständigen; außerdem eine nationalstolze Westerwelle-Variante für den DVU-anfälligen Osten. Und das alles wird unter das hinreichend vage Motto der "Freiheit" gestellt, als Klammer für den anspruchsvolleren Leser.

Dass in dieser Aufzählung die Westerwelles die Guidos überwiegen, ist kein Zufall. Er am wenigsten kann ein Interesse daran haben, in einer "Generation Guido" einsortiert zu werden. Das wäre wieder nur eine Nische. Wo die FDP doch die Partei für die vielen Nischen werden soll.

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