Meinung : FDP: Westerwelles Höhenflug

Robert von Rimscha

Das erste Opfer des Zynismus ist der Optimismus. Oder: Das leichteste Opfer der Medien ist die FDP. Der 18-Prozent-Ehrgeiz, der Strahle-Stil des Parteichefs, das Kokettieren mit den auf Seichteres spezialisierten Bühnen: Dies lädt zum Spott ein. Am Freitag erntete Guido Westerwelle Gelächter, als er im Blick auf die Wahl 2002 sagte: "Am liebsten wäre mir, die großen Parteien lägen so eng beeinander, dass wir mit beiden verhandeln können."

Verhandeln um die Macht. Und das Szenario ist, an den heutigen Umfragen gemessen, höchst realistisch. Hundert Tage ist er jetzt im Amt, der Juniorchef unter den Parteivorsitzenden. Mit Angela Merkel hat er gemein, dass er aus dem Amt des Generalsekretärs kam. Den Rollenwechsel hin zur Spitzenfigur hat er besser gemeistert als die CDU-Frau. Anders als Merkel hat Westerwelle eine weitgehend geschlossene Partei hinter sich - und er führt sie auch sichtbar. Was umgekehrt bedeutet, dass die neue FDP-Generalsekretärin Pieper längst nicht die Statur erringen konnte, die Westerwelle hatte.

Es geht ihr gut, der FDP. Der Wandel ist vor allem ein mentaler. Der eigentliche Zweck des Projekts 18 lautet, den Kopf zu heben, statt bei 5 Prozent zu bibbern. Das ist geschafft. Auf kommunaler Ebene, vor allem in Sachsen, gelangen eindrucksvolle Siege. Bundesweit liegt die Partei beim Doppelten der Untergangs-Marke.

Bleibt das Hoch? Scheint die Sonne weiter blau-gelb? Zwei Faktoren sprechen dafür. Der interne hat mit Westerwelles Vorgänger zu tun. Wolfgang Gerhardt ist dort, wo er hingehört. Als Fraktionschef formuliert er die Inhalte der FDP komplexer und enger an den parlamentarischen Betrieb angeschmiegt als Westerwelle, der sein Kommunikationstalent immer dann optimal einsetzt, wenn er sich in Bereiche vorwagt, die politikferner sind, also jene Orte, wo sich Junge und Gelegenheitswähler tummeln. Heute ergänzen sich die beiden, die vor einem guten halben Jahr um die Macht rangen, fast optimal.

Natürlich profitiert die FDP von der Schwäche der Union. Auch hier ist Kontinuität möglich. Tritt Stoiber gegen Schröder an, droht zwar die Zuspitzung der Bundestagswahl zum Zweikampf, und man könnte vermuten, kleine Parteien kämen bei einer solchen Polarisierung unter die Räder. Wenn sie geschickt taktiert, könnte die FDP jedoch bei einem Duell Schröder-Stoiber die Mitte besetzen. Nicht immer im Rampenlicht, aber umso effektiver beim Werben für sich selbst als eigenständige, dritte Kraft.

Tritt Merkel gegen Schröder an, öffnet sich für die FDP eine andere Chance. Sie könnte sich, statt Merkel, als bessere Alternative zu Rot-Grün anbieten. Ein scharfes freiheitlichliberales Profil wäre auch hier möglich: im Kampf gegen zwei sozialdemokratische Parteien, die versucht sein werden, sich bei der Verabreichung von Beruhigungspillen gegenseitig zu überbieten.

Die größte Gefahr für Westerwelle besteht in einem Interesse, das die Union und die Grünen verbindet. Beide wollen rot-gelb verhindern. Das geballte taktische Vermögen von CDU/CSU und Joschka Fischer gegen sich zu haben, ist Westerwelles größte Herausforderung für die nächsten 430 Tage. Dann wird gewählt.

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