Meinung : FDP: Wonach der Hahn kräht

Robert Birnbaum

Die Situation im Inneren der FDP lässt sich am besten mit der Abwandlung eines alten Sprichworts beschreiben: "Wenn der Möllemann kräht auf dem Mist, ändert sich alles - oder es bleibt wie es ist." Für "Möllemann" lässt sich selbstverständlich jeder andere Namen aus dem engeren Führungszirkel der Partei einsetzen. Gekräht hat jetzt, ganz aktuell Guido Westerwelle. Was über seine Ausführungen im NRW-Landesvorstand zu hören ist, lässt sich auch bei gutwilliger Auslegung schwerlich anders interpretieren denn als Hinweis darauf, dass der Generalsekretär beim Parteitag im Frühjahr 2001 als Bundesvorsitzender kandidieren will.

Eine echte Neuigkeit ist das nicht, weil das Hahnen-Theorem umfassend bei ihm Anwendung findet. Ob Westerwelle eine Kandidatur ankündigt oder nicht und ob er das bewusst tut oder ob ihm etwas nur so rausrutscht - er wird antreten müssen. Nicht etwa, weil Wolfgang Gerhardt ein schlechter Parteichef wäre, wie es Möllemann lautstark und die üblichen anonymen Heckenschützen aus der Deckung heraus verkünden. Sondern weil jemand nicht ungestraft jahrelang Ambitionen andeuten und sich Möglichkeiten offen halten kann um sich dann, wenn es drauf ankommt zurückzuhalten.

Es kommt der Tag, da muss der Hoffnungsträger tragen. Ob er will oder nicht. Er kann damit nicht bis kurz vor der Bundestagswahl 2002 warten, geschweige denn bis nach der Wahl. Also im Mai in Düsseldorf. Und dagegen steht nur ein einziger: Wolfgang Gerhardt. Dieses "dagegen" hat dabei einen doppelten Sinn. Denn wenn die Indizien nicht trügen, bleibt Gerhardt nicht im Amt, weil er den Posten innig liebt - er hängt am Fraktions-, aber weniger am Parteivorsitz. Er bleibt, weil er sich als Bastion gegen etwas empfindet. Dieses Etwas ist die Umwandlung der FDP in eine Filiale der Reklamefirma Möllemann GmbH & Co KG, Vertreiber einer Wundertüte namens "Projekt 18".

Keine Möllemann GmbH & Co KG

Das ist ein durchaus ehrenwertes Motiv. Aber es ist von gestern. In diesem Kampf zweier älterer Herren glauben allenfalls die Kontrahenten selbst, dass es um die Zukunft der FDP gehe. Denn auch in einem dritten Sinne gilt für die Pünktchen-Partei das Sprichwort vom Hahn: Längst ist es egal, wer von welchem Misthaufen aus kräht. Denn die Titel der Beteiligten sagen nichts über die wahren Verhältnisse. Wann hat die Öffentlichkeit zum letzten Mal ein Wort des FDP-Vorsitzenden als Machtwort empfunden? Wolfgang Gerhardt hat doch Autorität nicht wegen, sondern ungeachtet seines Amtes. Nämlich weil er glaubwürdig sowohl moralisches als auch staatsbürgerliches Engagement verkörpert.

Und weiter: Wird nicht die Frage, wofür die Liberalen stehen, schon seit langem nur noch daran festgemacht, wo der Generalsekretär Guido Westerwelle hinsteuert? Ist nicht, mit anderen Worten, für alle außerhalb der Partei postierten Betrachter die Führungsfrage längst entschieden, diese Entscheidung ist aber bloß noch nicht formal vollzogen? Was ja umgekehrt bedeutet: Am Profil der FDP ändert sich wenig, wenn der eine nach vorne rückt und der andere weiter in die Etappe.

Wenn Westerwelle antritt, ob gegen Gerhardt oder mit dem Segen des Ziehvaters, gewinnt er. Sogar ein FDP-Parteitag ist so schlau zu wissen, dass er das größte Nachwuchstalent der Partei nicht scheitern lassen kann. Wenn es Gerhardt ernst ist damit, dass er keine Partei will, in der ein Möllemann das große Wort führt, dann wird er dem Jüngeren seinen Segen geben. Denn Möllemann braucht Gerhardt, weil der im Vergleich zu ihm alt aussieht.

Ein Parteichef aber, der selbst die Zukunft verkörpert, braucht keinen Neben-Spitzenkandidaten mit dem Karnevalsorden "Kanzlerkandidat" auf der Brust. Nach dem kräht dann auf einmal kein Hahn mehr. War es nicht genau das, was Gerhardt will?

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