Meinung : Feindlich verbunden

Ärger im Irak, Streit um Armenien: Zwischen den USA und der Türkei knallt es gewaltig

Thomas Seibert

Gleich auf zwei Feldern sind die USA und die Türkei auf Kollisionskurs. Da ist die Entscheidung des Auswärtigen Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, den türkischen Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Und da ist die türkische Drohung, Soldaten nach Nordirak zu schicken, um gegen die Kurdenrebellen von der PKK vorzugehen. Zu einem Frontalzusammenstoß zwischen der westlichen Führungsmacht und ihrem Verbündeten wird es wohl nicht kommen. Doch selbst wenn der große Knall ausbleibt: Die USA sind drauf und dran, einen wichtigen Partner in der Krisenregion Nahost zu vergraulen.

Dass sich die Türkei der schwierigen Aufarbeitung der Armeniermassaker stellen sollte, ist richtig und überfällig – erst am Donnerstag wurden wieder zwei armenischstämmige Journalisten in Istanbul wegen „Beleidigung des Türkentums“ verurteilt. Doch eine Verdammung der Türkei durch das Parlament der westlichen Führungsmacht USA ist der falsche Weg. Solche Beschlüsse stärken in der Türkei lediglich die Betonköpfe und Nationalisten – eine offene Debatte wird jetzt noch schwieriger. Denker wie Orhan Pamuk und nicht zuletzt die Armenier in der Türkei werden darunter zu leiden haben.

Hinter der Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch die US-Abgeordneten mögen viele verschiedene Motive stehen: ein Bemühen um historische Wahrheit, Rücksichtnahme auf armenischstämmige US-Wähler, ein Versuch der US-Demokraten, der Irakpolitik von George Bush einen Schlag zu versetzen. Den Türken sind solche Feinheiten egal. Sie sehen die Entscheidung als Provokation und erwägen Gegenreaktionen bis hin zur Unterbrechung des US-Nachschubs für Irak.

Zudem sind es die Türken leid, von den USA immer wieder vertröstet zu werden, wenn sie ein Vorgehen gegen die PKK-Stützpunkte in Nordirak fordern. Deshalb will die Türkei jetzt selbst Soldaten in den Irak schicken, wodurch auch Kämpfe zwischen den Türken und den Truppen der kurdischen Autonomieregierung drohen. Der einzige einigermaßen stabile Teil Iraks steht damit vor einem neuen Großkonflikt.

Natürlich ist Ankara nicht unschuldig an der Entwicklung. Würde die Türkei den dunklen Seiten der eigenen Geschichte mutiger ins Auge sehen, müsste sie nicht gegen jede Armenierentscheidung in einem Parlament irgendwo in der Welt protestieren. Hätte Ankara in den letzten Jahren mehr für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Kurdengebietes getan, wäre es für die PKK wesentlich schwerer, Kämpfer zu rekrutieren und ihren Terror fortzusetzen.

Dennoch ist es für die USA höchst unklug, die Türkei als Land an der Nahtstelle zwischen Ost und West derart unter Druck zu setzen. Die Amerikaner haben ein Interesse daran, dass die Türkei ein prowestliches Land bleibt. Mit sinkender amerikanischer Glaubwürdigkeit steigt jedoch der Einfluss anderer Mächte. So wendet sich Washington vehement gegen ein türkisches Erdgasabkommen mit dem Iran. Die Politiker in Ankara sind aber kaum in der Stimmung, auf Einwände aus Washington zu hören.

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