Meinung : Feindliche Trennungen

Immer größer, immer globaler ist nicht immer auch eine gute Unternehmenspolitik

Dieter Fockenbrock

Frankreich trägt den Sieg davon, Deutschland gibt den Verlierer. Zwei unternehmerische Entscheidungen der vergangenen Tage zeigen deutlich wie selten, wo die Musik spielt – jedenfalls in wirtschaftlicher Hinsicht. Der französische Pharmakonzern Sanofi kauft den fast doppelt so großen deutsch-französischen Konkurrenten Aventis – und das neue Duo übernimmt die Führungsrolle in Europa, rückt an die dritte Stelle in der Weltrangliste der Branche auf. Der Autohersteller Daimler-Chrysler dagegen gibt seinen japanischen Partner Mitsubishi auf – und verabschiedet sich damit von seiner Vision einer automobilen Welt AG mit Hauptsitz in Deutschland.

Wer hat die richtige, wer die falsche Entscheidung getroffen? Megafusionen sind ein wenig aus der Mode gekommen. Hat der Chef von Daimler-Chrysler, Jürgen Schrempp, vielleicht sogar im rechten Moment die Notbremse gezogen? Oder verfolgt der Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq die richtige Strategie, weil er sein Unternehmen durch eine aggressive Vorwärtsstrategie davor bewahrt, selbst einmal das Opfer einer feindlichen Übernahme zu werden? Die neue Sanofi-Aventis – das steht fest – wird künftig in der hart umkämpften Pharmabranche ein gewichtiges Wörtchen mitreden, statt den übermächtigen Konkurrenten hinterherzuhecheln. Aventis und Sanofi können Milliarden sparen, weil sie keine konkurrierenden Produkte mehr entwickeln.

Doch damit sind noch lange nicht alle Fragen gestellt: Hat die Bundesregierung etwa eine wichtige Chance verpasst, weil sie sich im Aventis-Fall absolut neutral verhält? Paris dagegen vertritt wie schon bei zahlreichen anderen Gelegenheiten in aller Öffentlichkeit seine industriepolitischen Interessen – und gewinnt am Ende auch noch. Das aber nur auf den ersten Blick.

Denn die Pharma-Fusion in Frankreich hat einige entscheidende Webfehler: Aventis kostet jetzt 55 Milliarden Euro, kein Pappenstiel für Sanofi. Und sinnlos ist der Versuch, eine feindliche Übernahme in eine harmonische Ehe umzudeuten. Krach zwischen den Konzernteilen ist spätestens dann programmiert, wenn Forschungszentren oder Fabriken zusammengelegt werden sollen. Dann kann nur einer das Sagen haben. Und der sitzt jetzt in Paris. Der eigentliche Preis dieser Fusion sind aber 17 Vorstandsposten in dem neuen Unternehmen. Das sprengt alle Maßstäbe. Sanofi will damit den Widerstand des Aventis-Managements brechen, tatsächlich ist das neue Unternehmen damit nicht mehr regierbar.

So gesehen hat Daimler-Chef Jürgen Schrempp letzte Woche eine vernünftige Entscheidung getroffen. Denn die Kontrolle über Mitsubishi hätte er sich nur über eine milliardenschwere Kapitalspritze erkaufen können. Und das war nicht mehr zu vertreten. Zumal Schrempp schon in den USA mit Chrysler genug Probleme am Hals hat.

Schrempps Vision von einem globalen Autokonzern mit Standorten in Europa, Asien und den USA ist nicht falsch, genauso wenig wie Dehecqs Ziel, einen weltweit wettbewerbsfähigen Pharmakonzern zu schmieden. Doch Globalisierung ist kein Ziel an sich mehr. Die Manager haben gelernt, dass solch gigantische Konzerne sich kaum mehr lenken lassen, dass die Risiken manchmal unkalkulierbar und die Mentalitäten der Menschen unvereinbar sind. Firmen lassen sich nicht einfach zusammenkaufen wie Briefmarkensammlungen. Schon gar nicht gegen den erklärten Willen der Mitarbeiter. Das wird Sanofi noch schmerzlich erfahren.

Und die Politik? Die tut gut daran, sich rauszuhalten. Oder weiß der hessische Ministerpräsident Roland Koch etwa besser als Schrempp oder Dehecq was gut für deren Unternehmen ist? Die Herren Manager scheinen es zuweilen ja selbst nicht zu wissen. Traurig genug. Jetzt aber Hoffnungen zu wecken, die Politik könnte Sicherheiten für den Hoechst-Standort in Frankfurt am Main bieten, das wäre blanke Lüge.

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