Femen-Proteste : Ein Busen ist ein Busen

Die Femen-Proteste haben eine extrem erfolgreiche Bildsprache gefunden, die sich noch lange nicht abnutzen wird. Dennoch: Ein Busen ist weniger ein politisches Instrument als eben - ein Busen.

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Jost Müller-Neuhof ist rechtspolitischer Korrespondent des Tagesspiegels. Seine Kolumne "Einspruch" erscheint jeden Sonntag auf den Meinungsseiten.
Jost Müller-Neuhof ist rechtspolitischer Korrespondent des Tagesspiegels. Seine Kolumne "Einspruch" erscheint jeden Sonntag auf...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton pflegt sonst keine Strafgerichtsurteile zu kommentieren. Bei den drei Frauen der Protestgruppe Femen machte sie eine Ausnahme. Sie sei „überrascht von der Härte“, sagte sie, nachdem die Aktivistinnen, zwei Französinnen und eine Deutsche, in Tunesien zu vier Monaten Haft verurteilt worden waren. Auch Angela Merkel zeigte Anteilnahme, der Menschenrechtsbeauftragte der Regierung ebenfalls. Die Frauen hatten ihre nackten Oberkörper unter anderem mit dem Slogan „fuck your morals“ beschriftet, um vor dem Justizpalast in Tunis für die Freilassung einer inhaftierten Femen-Freundin zu demonstrieren. Beschriftete Busen sind die Hauptausdrucksform der Protestlerinnen.

Vier Monate Haft, das konnte nur jemanden überraschen, der glaubte, mit dem arabischen Frühling sei auch eine sexuelle Revolution ausgebrochen. Die Scharia ist abgeschafft, aber der Islam ist Staatsreligion; auf ihren Brüsten lesen zu müssen, dass eine Halbnackte auf die örtlichen Wertvorstellungen pfeift, wird als anstößig empfunden. Sollte westlichen Beobachtern dies rückständig vorkommen, ist daran zu erinnern, dass auch in einem Land wie der Bundesrepublik das Recht einen Rahmen für Benimm in der Öffentlichkeit zieht, freilich erst dort, wo die Belästigung anderer beginnt. Der wesentliche Unterschied liegt geschichtlich und kulturbedingt in einer höheren Reizschwelle, zuweilen auch als Toleranz beschrieben, und der Beschränkung des Strafrechts auf Fälle echter Rechtsgutsgefährdung; ein Nacktprotest würde, wenn überhaupt, als Ordnungswidrigkeit verbucht.

Aus solchen Differenzen Besorgnis abzuleiten oder einen Menschenrechtsfall zu machen, scheint etwas überzogen. Ergänzend wäre zumindest der Hinweis angebracht gewesen, dass Busendemos samt leicht aggressiver Untertöne nicht überall auf der Welt auf dieselbe egalitäre Gelassenheit treffen müssen wie in Zentraleuropa. Dies nicht gleich als skandalös anzuklagen, hat auch etwas mit Toleranz zu tun. Nun sind die Damen in Schleiern vor die Richter getreten, haben sich entschuldigt und durften sogleich ausreisen. Wenn das gespielt war, war es wenigstens gut gespielt.

Es wird kritisiert, der Femen-Protest nutze sich ab. Zuzugeben ist allerdings, dass er eine überzeugende Bildsprache gefunden hat, die nicht nur einer (dauerhaft) sexualisierten Medienlogik folgt, sondern mit ihrer offensiven Verletzbarkeit sehr erfolgreich Opfermythen bedient. Das Konzept ist so gut, dass vor lauter Empathie und Schlüsselreiz die Anliegen aus dem Blick zu geraten drohen, auf die eigentlich hingewiesen werden soll. Ein nackter Protest kann sich verselbstständigen und die Zustände verhüllen, gegen die er sich richtet. Ein Busen ist daher wohl weniger ein politisches Instrument als eben dies: ein Busen.

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