Feminismus : Make-up, Minirock und der Geist von Alice

Unsere Gesellschaft hat ein verstaubtes Bild vom Feminismus. Eine Feministin stellt man sich als ungeschminkte Frau vor, die „nichts aus sich macht“. Doch Frauen, die heute für Gleichberechtigung kämpfen, wollen ihr Geschlecht nicht verleugnen.

Tina Schulz
Tina Schulz - Foto: privat
Tina Schulz - Foto: privat

Sie wollen als Frau wahrgenommen werden und sehen in knappen Outfits, Make- up und Kleidern keinen Widerspruch zu ihren Forderungen. Sie kleiden sich, wie es ihnen gefällt und nicht, um den Männern zu gefallen.

Der Feminismus alter Manier hat uns Frauen viel gebracht – obwohl in Deutschland mitnichten Gleichberechtigung herrscht. Aber mit dem Feminismus möchten die wenigsten in Verbindung gebracht werden. Die neuen Begriffe sind Gleichstellung sowie Diversität und Gender. Feminismus geht von der Frau aus, Gleichstellung nimmt beide Geschlechter in den Fokus. Die gleichen Rechte haben wir alle per Gesetz, jetzt geht es darum, eine tatsächliche Gleichstellung in der Lebensrealität herzustellen. Es geht nicht mehr darum, die Stärken des einen Geschlechts gegen die Schwächen des anderen auszuspielen.

Klar, wir sind Alice Schwarzer und Co. sehr dankbar über ihre unbestreitbaren Verdienste. Aber jetzt ist eine neue Generation von Frauen dran, die ihre eigenen Ideen haben. Sie wollen radikal jeden Bereich ihres Lebens selbst bestimmen. Sie wollen als Frauen wahrgenommen werden und trotzdem den Männern gleichgestellt sein. Sie wollen Familie und sie wollen sich nicht rechtfertigen, wenn sie eine Kinderauszeit nehmen und auch nicht, wenn sie weiter arbeiten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert in unserem Land, trotz Elterngeld und Vätermonaten, nicht wirklich gut. Das trägt dazu bei, dass veraltete Rollenklischees weiterleben und die Ungleichheit der Geschlechter noch immer betont wird. Die Rolle der Frau ist in unserer Gesellschaft nicht eindeutig definiert: Es gibt das Bild der eiskalten, kinderlosen Karrierefrau und das Bild der bastelnden Mutter mit Minijob. Erst wenn es uns gelingt, diese Rollenklischees zu durchbrechen und miteinander in Einklang zu bringen, kann sich etwas verändern. Frauen dürfen sich nicht mehr in Rollen hineinpressen lassen, weder in die Rolle der Karrierefrau oder Mutter noch in die Rolle einer Emanze. Der neue Feminismus lebt von der Vielfalt, lebt von Frauen, die sich in ihrer Weiblichkeit wohlfühlen, und lebt vor allem von dem gemeinsamen Ziel: die Gleichstellung der Geschlechter herzustellen.

Die Gesundheitspolitik, die Familienpolitik und vor allem das desolate deutsche Betreuungssystem konterkarieren diese Ziele. Die Wirtschaft – wer kann es ihr angesichts der herrschenden gesellschaftlichen Meinungen und der fehlenden staatlichen Kinderbetreuungsplätze verübeln – hat lieber Männer in ihren Führungsetagen. Und zahlt dort den Frauen lieber etwas weniger als den Männern. In all diesen Bereichen muss Gleichstellungspolitik ansetzen – wozu es aber eines Hauchs feministischer Denkweisen bedarf.

Dieser feministische Ansatz muss sich aber von dem alten Feminismus abgrenzen und den Lebenswelten der jetzigen Mittzwanzigerinnen anpassen. Frauen auf Highheels müssen mit Birkenstockträgerinnen für die gemeinsame Sache eintreten – ohne Zickenkrieg. Gleichberechtigung betont nämlich auch Wahlfreiheit. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung und seinen eigenen Stil.

Wir brauchen feministische Denkweisen, um Veränderungen herbeizuführen. Aber die neue Generation der Feministinnen will nicht mehr dem veralteten Bild entsprechen. Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Douglascard und Frauenpolitik. Feministische Kämpferinnen müssen ernst genommen werden, unabhängig von ihrer Meinung zur Familienpolitik und ihrem Aussehen. Eine Brustvergrößerung ist kein Politikum, sondern die freie Entscheidung einer Frau, wozu sie jedes Recht der Welt hat.

Die Autorin arbeitet im Gleichstellungsbüro der Bergischen Universität Wuppertal. Der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder.

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