Fernsehen : Komplexes in Breiform: 223 Minuten pro Tag

Fernsehen ist nach Arbeiten und Schlafen die Tätigkeit, die die Deutschen am meisten in Anspruch nimmt. Die Grundregel heißt: Emotion schlägt Information. Der Fernseher als Entspannungsmaschine entspricht nicht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag.

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Stell Dir vor, es ist Krieg, und der Fernseher ist kaputt. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass ihn die Vorstellung vom kaputten Fernseher mehr schockiert hat als die Vorstellung vom Krieg. Krieg in Deutschland ist unvorstellbar geworden, kaputte Fernseher nicht. Frieden in Deutschland heißt Fernsehen in freier Empfangbarkeit, in Farbe und rund um die Uhr.

Für den Bundesbürger gilt: Fernsehen ist nach Arbeiten und Schlafen die Tätigkeit, die ihn am meisten in Anspruch nimmt. 2010 haben die Menschen ab drei Jahren die Sehdauer auf 223 Minuten pro Tag und Zuschauer gesteigert. Das ist Rekord, das hat Folgen.

Die Macher, so sie öffentlich-rechtlich sind, arbeiten für ein Medium, das auch in ihren Augen ein Nachfragemedium sein soll. Wer einschaltet, bestimmt, wer ein und kein anderes Programm wählt, hat immer recht. Die kommerziellen Anbieter hatten nie ein Problem mit dem Grundsatz von RTL-Übervater Helmut Thoma, wonach der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. 2010 war das Jahr, in dem RTL die öffentlich-rechtliche ARD, jahrelang die Nummer eins im Zuschauermarkt, überflügeln konnte: RTL erreichte 13,6 Marktanteil, das Erste 13,2 Prozent, dann kommen die ARD-Dritten mit 13 Prozent vor dem ZDF mit 12,7 Prozent. Im Systemvergleich Öffentlich-Rechtlich vs. Privat liegen die 23 Programme von ARD und ZDF weiterhin vorn.

Die gebührenbezahlten Vorarbeiter plagt die Furcht, dass sie – bei nachlassender Attraktivität – in der Koalition der Öffentlich-Rechtlichen ihren besten Freund verlieren könnten: Die Politiker, die über Gebührenerhebung und Gebührenhöhe befinden und als Parteipolitiker nicht nur im ZDF mitbestimmen, dass Chefredakteur Nikolaus Brender gehen muss und wer Markus Schächter als Intendant nachfolgen darf. Tatsächlich gibt es keine Äußerung eines maßgeblichen Rundfunkpolitikers, der die Existenzberechtigung des jährlich 7,6 Milliarden Gebühreneuro teuren Systems mit einem bestimmten Marktanteil verknüpft. Das muss der Politiker auch gar nicht tun. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat die Garantie von ARD, ZDF und Deutschlandradio auf Bestand und Entwicklung von Urteil zu Urteil fester betoniert. Standfester kann kein Bunker sein.

Aus dieser Sicherheit heraus müssten sich ARD und ZDF nicht in die Zwickmühle zwischen Quotenfernsehen und Anspruchsfernsehen pressen lassen. ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat in einem Gastbeitrag für diese Zeitung mit Blick auf die Ägypten-Berichterstattung seines Senders darauf abgehoben, das ZDF müsse ständig zwischen Vollprogramm und Ereigniskanal abwägen. Was damit virulent wird: Das Erste und das Zweite haben sich auf Kampf gegen RTL & Co. programmiert. Der Zuschauer in einem Haushalt mit terrestrischem Empfang kann unter 30 Kanälen, in einem verkabelten Heim unter 58 und in einem Satelliten-Haushalt unter durchschnittlich 107 Kanälen auswählen. Der Wettbewerb um die 72 Millionen Rundfunkteilnehmer wird Minute für Minute ausgetragen.

Die Lockmittel sind nur noch graduell, nicht mehr generell verschieden. Konnte sich der Konsument im Anfangsstadium des Privat-TV noch zwischen zwei Läden entscheiden, so lacht ihm heute ein einziger großer Supermarkt entgegen. Mögen die öffentlich-rechtlichen Regale besser sortiert sein, leckeren Brotaufstrich, Pizza Margherita und Filterkaffee halten alle Produzenten vor. Auf den Etiketten von ARD und ZDF strahlen Frank Plasberg, Anne Will, Claus Kleber, Maybrit Illner, Jörg Pilawa, Thomas Gottschalk. Der von den öffentlich-rechtlichen Sendern betriebene Starkult hat die cleveren Journalisten, Talkmaster und Showmoderatoren wohlhabend, im günstigen Falle zu Einkommensmillionären gemacht. Sie alle wissen, wie viel Gebührengeld für die „Gesichter-Verkäufer“ da ist.

Der Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet ARD und ZDF unverändert dazu, dass „ihre Angebote der Bildung, Information und Unterhaltung dienen“. Das mit der Bildung kann man gleich vergessen. Bildung im Fernsehen heißt heute Wissen dargereicht als „Star Quiz“, „Das unglaubliche Quiz der Tiere“, die Programm-Macher haben eine Höllenangst vor einer mehr als daten- und faktenorientierten Wissensvermittlung, die sich der Zuschauer mit Mühe, ja Anstrengung erarbeiten muss. Immer wird der Unterhaltungsmantel drum gewickelt. Ob beim „Duell“ (ARD) oder bei „Rette die Million!“ (ZDF) – hier wird Kreuzworträtselwissen abgefragt und belohnt. Wie um alle Vorwürfe von Einfallslosigkeit, Star-Gewimmel und nullkommanull Nachwuchsarbeit zu testieren, soll Reinhold Beckmann, schon heute unterbeschäftigt als Showmaster, Talkmaster und Sportmaster, eine weitere Sendung im ARD-Vorabend bekommen – ein Quiz. Wer hätte das gedacht?

Die Revision der Schwerpunkte im Programm, die Novellierung der Ausarbeitung und Aufbereitung von Programm haben vor der Information nicht Halt gemacht. Unzweideutig, zunächst: ARD und ZDF haben beim Umfang der Nachrichten zugelegt, nahezu stündlich sind „Tagesschau“ und „heute“ getaktet, die „Tagesschau“ um 20 Uhr, „heute“ um 19 Uhr plus die den Tag abbindenden Journale sind ernsthaftes Informationsfernsehen. Und doch: Das Weltgeschehen muss ins Programmschema passen, sonst fällt es aus. Gerne wird die Revolution in den arabischen Ländern mit dem Trompetenstoß „Wir sind alle Tunesier, Ägypter, Libyer, überall“ begleitet – und dann, im entscheidenden Moment, wird die Rede des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak nicht als „Breaking News“ behandelt. Erst als die Kritik Alarm schreit, sind sie in den Senderzentralen alarmiert, wird Mubaraks neuer Erich-Mielke-Auftritt live auf den Schirm gebracht. Noch heute verfallen die Verantwortlichen in Schnappatmung, wenn sie das Ergebnis ihrer revolutionären Entscheidung rekapitulieren: Die angeblichen UnterhaltungsJunkies, vulgo Fernsehzuschauer, wollten Pharao-TV sehen, unbedingt. Quote des Abends. Der Filmemacher und TV-Produzent Alexander Kluge hat diese Erwartung formuliert: „Wenn der Irakkrieg ausbricht, sitze ich um fünf Uhr morgens vor dem Fernseher und lese nicht Clausewitz.“ Ägypten war gestern, Libyen ist heute, die alten Reaktionsmuster greifen wieder: „Karnevalissimo“ schiebt das „heute-journal“ ins Nirwana.

Die Grundregel heißt: Emotion schlägt Information. Und weil sich das Fernsehen zuallererst als Entspannungsmaschine versteht, wird die harte Kost der komplexen Nachricht in Breiform gereicht. Die ARD entwickelt dafür das Rezept der Info-Transformation. Von September an wird nach 20 Uhr, wenn bis zu 40 Millionen Deutsche wieder keine Alternative zum Fernsehen gefunden haben, die Talkshow zur Königsdisziplin der Information ausgerufen. Von Sonntag bis Donnerstag, von Günther Jauch bis Reinhold Beckmann, wird „darüber“ gesprochen. Monokultur, Transpiration statt Inspiration, Rechthaberei, Fakten werden von den Moderatoren als Öl ins Meinungsfeuer geschüttet. Talk ist die Übersetzung des Stammtischs in ein Fernsehformat. Die Dokumentation, das dem Leben außerhalb des Fernsehens am neugierigsten zugewandte Genre, wird stärker an den Programmrand gedrängt. Das gilt für alle Einzelstücke, weil sie das Lieblingsfernsehen der Macher, das serielle Fernsehen, herausfordern: Die Unikate müssen das Publikum aus sich heraus gewinnen, wo jede wöchentliche Talkshow automatisch ihr Publikum hat. Jede weitere Rederei bedeutet eine weitere Informationsverdünnung.

Verstärkt wird damit der Zug, dass Fernsehen, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, nur Fernsehen sein will, eine eigenständige, eigentümliche Form elektronischen Daseins. Das Da-Draußen wird in TV-Content verwandelt, auf dass er als Programm funktioniert. Vom Privatfernsehen mit seinen Doku-Soap-Formaten, die die vorgefundene Wirklichkeit als „Scripted Reality“ emotional verheizen, ist die Talkshow nur eine Studiotür entfernt. Inszenierung allerorten. ARD-Programmdirektor Volker Herres ortet RTL zwischen „Anal“ und „Banal“ und hat darüber ausgeblendet, wie laut er den „Lenastheniker“ gab, nachdem ihm der Pro-Sieben-Held Stefan Raab den nur noch verwalteten „Eurovision Song Contest“ gerettet hatte.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sucht immer stärker nach Übermittlungsformen und Verpackungsmaterial, die aus der Unterhaltung stammen. Die Übersetzungsleistung ist größer geworden. Es hat sich gelohnt. Jener Apparat, der sich empathisch seinem Publikum und seinen (angeblichen) Erwartungen nähert, hat Anziehung bis zur Abhängigkeit erreicht. Fernsehen in Deutschland ist erfolgreich. Von den 72 Millionen Menschen in deutschen Haushalten mit Fernsehempfang schalten im Schnitt weit mehr als 70 Prozent Tag für Tag ein.

Doch allen Reichweiten zum Trotz hat das Medium kein positives Image mehr. Über die Jahre ist der Verlust messbar, spürbar. Die Glaubwürdigkeit des Fernsehens sinkt ständig, weist Forsa in seiner jährlichen Umfrage „Vertrauen in Institutionen“ nach. Mit aktuell 33 Prozent in der Bevölkerung liegt sie beim Fernsehen hinter anderen Medien wie Radio (64 Prozent) und Presse (46 Prozent), näher am horriblen Ruf von Managern (acht Prozent), weit weg von der Polizei mit 80 Prozent. Je höher die formale Bildung (Abitur, Studium), desto niedriger das Vertrauen – 27 Prozent. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat diese Entwicklung nicht aufgehalten, es hat sie mitbefördert. Die Einschaltquote, zum Maßstab genommen, ist nur eine Zahl, ein Wert ist sie nicht. Ist denn Deutschlands auflagenstärkste Zeitung, „Bild“, die beste Zeitung Deutschlands? Überhaupt nicht. „Bild“ ist die bestgemachte „Bild“-Zeitung Deutschlands.

Das Fernsehen hat kein Prestige, seine Nutzung verleiht kein Prestige. Wer sagt mit Stolz in der Stimme, dass er gestern Abend binnen drei Stunden Thomas Bernhard und Thomas Gottschalk gesehen und verstanden hat? Fernsehen schafft Gesprächsstoff, Fernsehen ist Alltag. Begleiter, Nachbar, zum Zeitvertreib herabgedimmt, viele schalten das Licht und den Fernseher parallel ein. Es gibt ihn, den Wut-Zuschauer, der nicht gutheißen möchte, was ihm da an als schon hundert Mal aufgedrängte Ware frei Haus geliefert wird. Es gibt ihn, den Massenzuschauer, der ein bisschen nölt und dessen großes Maul doch alles frisst. Das Publikum wird nicht von Masochisten gebildet, die sich mit der Fernbedienung die Peitsche geben.

In seinem gegenwärtigen Zustand ist das Fernsehen ein Verbrauchsgegenstand. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter müssten da Kontra geben, sie müssten vorausgehen, sie sollten, wie es der Fernsehkritiker Matthias Kalle fordert, eine „Sehnsuchtsmaschine“ sein. Explorationen des Geistes, Abenteuerfahrten wie die Serie wie „Im Angesicht des Verbrechens“, risikobehaftete Herausforderungen, Lust auf neue Unterhaltung, nicht ein einverständiges Tete-à-Tete mit dem Zuschauer, Schluss mit der Addition, der Multiplikation des ewig Erfolgreichen. Eine Innovationsmaschine, die meinetwegen „Qualität im Populären“ produziert (eine Maxime des früheren ZDF-Fernsehspielchefs Hans Janke). Aber das braucht den Mut, der das Meiste richtig machen und nicht das Wenigste verkehrt machen will. Die Rundfunkgebühr ist eine Mutprämie statt das Zahlungsmittel für „Rote Rosen“, „Brisant“, Rosamunde Pilcher und Markus Lanz. Bildung, Information, Unterhaltung, das Angebot aus dem Übergewicht des krakenhaften Entertainments wieder in ein Gleichgewicht bringen, das ist der öffentlich-rechtliche Auftrag.

Für die Umsetzung des Slogans „Erfolg als Programm“ braucht es zwei, wie beim Tango. Fernsehen und Fernsehzuschauer, im Massenmedium sind sie einander wert. Verzwergung hier wie dort, Fernsehlust geht einher mit lustigem Programm. Wer anderes Fernsehen will, der darf nicht über die charakterschwachen Quotenbeschaffungskriminellen in den Anstalten schimpfen, der muss anderes Fernsehen nutzen, das es diesseits und jenseits der Hauptprogramme allerdings gibt.

Der Fernsehpessimismus nährt sich auch aus dem Paradox, dass das Medium, was die Auswahlmöglichkeiten angeht, sehr respektabel ist, zugleich diese Wahlchancen nachgerade ignoriert werden. Der Anspruchsvolle kann ein Ignorant sein, der das Vielfaltsreservoir übersieht und den Einfaltsgenerator einschaltet.

Es gibt kein schlechtes Fernsehen, außer: Man produziert es. Es gibt kein gutes Fernsehen, außer: Man sieht es.

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