Meinung : Feuern und feuern lassen

Roger Boyes

Mein Held des Kalten Krieges war ein Whiskey-durchtränkter Trunkenbold mit Grabesstimme: der polnische Dissident Jacek Kuron. Bevor er ein Whiskey-durchtränkter Minister mit Grabesstimme wurde, verriet er mir das Geheimnis seiner moralischen Überlebensstrategie im Kommunismus. Freiheit heißt: Wissen, dass die Geheimpolizei überall ist, aber sich so verhalten, als ob sie nirgendwo sei.

Diese Philosophie hat mich sehr beeindruckt. Seitdem sammle ich Als-ob-Regeln. Sie wissen schon: lieben, als ob man nie verletzt worden wäre. Oder: tanzen, als ob niemand zuschauen würde. Letzte Woche habe ich meine Liste erweitert: den Chef so behandeln, als ob er einen nicht rausschmeißen könnte.

Das ist nicht ganz einfach; überhaupt ist es nicht ganz einfach, Als-ob-Regeln zu befolgen. Der Chefredakteur der „Times“ begleitete mich bei der Sicherheitstagung in München, und anfangs lief alles gut. Wir erzählten uns die neuesten Gerüchte und schmuggelten uns zu Mittagessen hinein, zu denen wir nicht eingeladen waren – die Vergnügen von Reportern in einer Welt, die kurz vor einem Krieg steht. Alle halbe Stunde wurde mir bewusst, dass er mich mit einem einfachen Mausklick feuern könnte.

Raketen mit Moral

Unsere Strategie auf der Konferenz war einfach: mit den Generalen reden, als ob sie Pazifisten wären, mit den Tauben, als ob sie Falken wären. Eine absolut nüchterne Angelika Beer redete mit großem Sachverstand über Patriot-Raketen; ein patriotischer amerikanischer Waffenfabrikant hielt uns einen Vortrag über die neue Kriegsethik, nach der man so „smart“ bombt, dass Zivilisten nicht zu Schaden kommen. In der neuen blutlosen Welt der Wehrkunde haben selbst die Raketen einen Sinn für Moral.

Nach und nach erschlossen wir uns so eines der Geheimnisse der Irak-Debatte. Die Generale – die anders als allgemein angenommen wirklich noch nie Kriegstreiber waren – sind nun zum Kampf bereit. Aber nur, weil sie inzwischen davon überzeugt sind, dass man so ein neues Abschreckungssystem gegen unberechenbare Diktatoren schaffen könne.

Anders die europäischen Politiker. Die scheinen an gar nichts mehr zu glauben. Pazifismus allein ist noch kein Glaubensbekenntnis. Er ist eine von mehreren möglichen Schlussfolgerungen, die sich aus der moralischen Analyse einer Gefahrensituation ergeben. Das Problem ist jedoch, und das machte Schröders Regierungserklärung am Donnerstag deutlich: Der Kanzler handelt nicht aus moralischer Überzeugung. Die Deutschen spüren das. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich dieser Kanzler einer rekordverdächtig niedrigen Beliebtheit erfreut, wo doch 80 Prozent der Deutschen gegen den Krieg sind? Sein Pazifismus ist ein taktisches Instrument, das er fallen lassen kann, wie er das schon mit anderen politischen Haltungen getan hat. Deshalb wird er den transatlantischen Streit auch verlieren.

„Was würden Sie mit Schröder machen, wenn Sie ein Deutscher wären“, lautete unsere Frage an einen Amerikaner. – „Feuern!“, lautete die prompte (und vorhersehbare) Antwort. „Ah ja, regime change“, sagte ich. „Aber ich bin gegens Feuern. Weil das unmenschlich ist.“

Mein Chefredakteur schaute mich schräg an. Und sagte nichts.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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