Fidel Castro : Strategie der Schnecke

Der Patriarch in seinem Winter: Fidel Castro tritt ab, langsam zwar, aber immerhin. Das Volk fürchtete diesen Diktator und verehrte, ja liebte zugleich den Charismatiker, der er war.

Philipp Lichterbeck

Nun sind 16 Monate vergangen, seit Fidel Castro die Macht in Kuba aus gesundheitlichen Gründen „provisorisch“ an seinen Bruder Raul abgegeben hat. Der 81-Jährige ist in dieser Zeit zwar nicht mehr öffentlich aufgetreten. Doch untätig war der Workaholic nicht: Castro hat mehr als 60 „Reflexionen des Oberkommandierenden“ in der kubanischen Presse veröffentlicht, hat drei Mal mit seinem Verbündeten Hugo Chavez telefoniert und zwei Fernsehinterviews gegeben. Und vielleicht hat er auch noch einmal in „Der Herbst des Patriarchen“ geblättert: dem Roman seines Kaffeekränzchenfreundes Gabriel Garcia Marquez über alle Caudillos und Diktatoren Lateinamerikas der letzten 150 Jahre. Bei der Lektüre hätte er sich nämlich erschreckt.

In dem Roman trauen sich die Bewohner eines imaginären Karibikstaates erst in den Präsidentenpalast, als die Geier schon darüber kreisen. Sie finden dort ihren toten Diktator, der zwischen 107 und 232 Jahre geworden ist, und nun von Flechten und Tiefseetieren überzogen daliegt. Das Volk fürchtete diesen Diktator und verehrte, ja liebte zugleich den Charismatiker, der er war.

Besser ließe sich auch das Verhältnis der Kubaner zu Castro nicht beschreiben. Denn so sehr sie unter der geistigen Unfreiheit und den materiellen Entbehrungen leiden, so wenig verbinden sie diese mit Castro. Er ist zu einem Mythos geworden, einer Vaterfigur. Mit dem bleiernen Alltag des Regimes hat Castro im Empfinden der Kubaner nur wenig zu tun. Aber nicht nur die Älteren wissen sehr genau, wem sie ihre Bildung und das kostenlose Gesundheitssystem zu verdanken haben. Diesen Moment nutzt Castro aus und bereitet sein Erbe geschickt vor.

Von Flechten überzogen? So will Castro – schwer krank, aber frisch im Kopf – nicht enden. Kurz vor den Parlamentswahlen im Januar hat er bekanntgegeben, dass er nicht ewig an der Macht festhalten wolle, an der er seit 1959 klebt. Seine provisorische Abwesenheit von der Macht wird damit nun formal festgeschrieben. Was das für die Kubaner bedeutet, denen es dank der Öllieferungen Venezuelas materiell besser geht, ist unklar. Aufhorchen lässt die Formulierung, dass er, Castro, kein Hindernis für die Jüngeren sein wolle. Bruder Raul, 76 Jahre alt, kann er nicht gemeint haben. Eher den aktiven Außenminister Felipe Perez Roque, Jahrgang ’65, und Politbüromitglied Carlos Lage Davila: Namen, die man sich merken sollte.

Klar ist aber auch, dass der Berufsrevolutionär sich nicht aufs Altenteil setzen wird. Er wolle weiterhin seine Erfahrungen beisteuern, schreibt Castro, deren „bescheidener Wert aus der ungewöhnlichen Epoche stammt, in die ich geworfen wurde“. Castro ist schlauer als Honecker oder sein eigener Vorgänger Batista. Es ist die Strategie der Schnecke, mit der er Abschied nimmt. Er geht langsam, aber er geht. Und anders als in Marquez’ Roman ist nicht zu erwarten, dass der Diktator am dritten Tag seines Verschwindens wiederkehrt. Wann, wenn nicht jetzt, im Winter des Patriarchen, sollte Europa die Chance der Annäherung nutzen?

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