Filme und Literatur für Kinder : Frei ab acht

"Nicht schon wieder Drogen und Obdachlose!", sagen Schüler, wenn sie wieder einmal einen Problemfilm vorgesetzt kriegen. Warum nicht jeder Stoff, aus dem die Wirklichkeit ist, ein Stoff für Kinder ist - und womit Kinder aufwachsen sollen.

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Foto: dapd

Als der kleine Johann fünf Jahre alt war, hörte er aufgeregte Erwachsene von einer Katastrophe sprechen. An einer fernen Küste sei plötzlich die Erde aufgebrochen, ein Tsunami hatte Land und Leute überflutet, Häuser waren bei dem Erdbeben eingestürzt, Schiffe untergegangen, alte und junge, arme und reiche Leute, Tausende kamen ums Leben. Auf das Kind wirkte die Geschichte wie ein emotionales Erdbeben. Weshalb geschah so grausames Unrecht? Welcher liebe Gott konnte das zulassen?

Mit vollem Namen hieß der Junge Johann Wolfgang von Goethe, und im ersten Buch seiner Lebenserinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ berichtete er mit dem Abstand des Alters über sein kindliches Erschrecken: „Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde … die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen.“ Der Knabe, „der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen … Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen“. Ähnlich wie dem Kleinen erging es den Großen, Philosophen und Kleriker diskutierten das Desaster. Von ihnen waren „Trostgründe“ und „Strafpredigten“ zu hören.

Niemand allerdings kam damals auf den Gedanken, das Elend nach dem Erdbeben zu einem realistischen Narrativ für Mädchen und Jungen zu verarbeiten oder ihnen „altersgerechte“ Reportagen über Waisenkinder und plündernde Gangs in den zertrümmerten Gassen von Lissabon vorzusetzen.

Erzählerisches Material dieser Art für junges Publikum ist inzwischen üblich, es gilt als das anspruchsvollste und pädagogisch wertvollste. Im jungen Programm der aktuellen Berlinale – „generation k+“ für Kinder, „generation14+“ für Jugendliche – schont der Stoff die Jüngeren nicht. Da wird ein bolivianischer Schuhputzjunge seiner letzten Habe beraubt, er erlebt, wie zerlumpte Demonstranten von der Armee beschossen werden, ein Hund verendet mit herausquellenden Eingeweiden, schließlich stirbt der kleine Protagonist selbst. „Pacha“ heißt der Film, Realismus pur, frei ab 13 Jahren. Beeindruckte Lehrer, vielleicht in Erinnerung an ihre Dritte-Welt-Phase, nahmen sich gleich vor, das mit der Klasse anzusehen: „Die müssen die Wirklichkeit kennenlernen!“

In einem indonesischen Filmepos wartet ein Mädchen vergebens auf den Vater, einen Fischer, der auf dem Meer tödlich verunglückt ist. Um ihre Mutter trauert ein japanisches Mädchen, das sich an einen Schmuck der Toten klammert wie an ein Amulett. Ein philippinischer Junge mit Lippenspalte trotzt dem Spott der Mitschüler und findet in einem Schwerhörigen einen treuen Freund, während auf einem chinesischen Schulhof eine Schülerin so schwer am Auge verletzt wird, dass es zu schweren Konflikten kommt. Unter chilenischer Regie entstand der Film über eine Schülerin mit strikt evangelikalen Eltern, die ihr Sex und Liebe verbieten wollen. Australiens Beitrag führt in eine Haftanstalt für Jugendliche, wo ein friedfertiger Junge gemobbt wird. Aus Belgien kommt der Film über eine Neunjährige, deren Vater mit der Nato in Afghanistan ist. Sie bangt um den Papa und hofft, wenn sie ihren Hund opfert, werde er lebendig wiederkommen. Im finnischen Jugendfilm stirbt die Schwester der Protagonistin bei einem Amoklauf vor einem Nachtclub, im neuseeländischen zwingt ein Vater seinen Sohn zur Arbeit in einem Schlachthof. Im Roadmovie aus den USA gaukelt ein Vater seinen Kindern den Umzug der Familie vor, in Wahrheit entführt er sie, weg von der Mutter. Schwangere Minderjährige begleitet der deutsche Beitrag, Mädchen, die mit 14 Mütter werden. Mit einem alkoholisierten und alleinerziehenden Vater hat es ein Zehnjähriger im niederländischen Film zu tun, ihm bleibt nur ein zahmer Vogel als Gefährte. Auch im schwedischen Film verstört ein alkoholkranker Vater seinen Sohn, der sich mit Walgesängen tröstet. Als der Alte auf Entzug kommt, nimmt eine dörfliche Tante das Kind auf. Kaum geht es dem Jungen dort gut, zerrt ihn das Jugendamt wieder fort. Am Horizont taucht Horror auf statt Hoffen.

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