Finanzkrise : Alle Schleusen offen

Was vor einem Jahr wie das Problem übereifriger Spekulanten ausgesehen hat, ist längst auch in Deutschland gefährlich. Schon gibt es Stimmen, die die notleidenden US-Banken verstaatlichen wollen. Fest steht: Für alle Beteiligten dürfte es ziemlich teuer werden.

Carsten Brönstrup

So sieht Panik aus. Mit jedem Tag gerät die Finanzbranche tiefer in den Strudel der Krise, die bereits seit einem Jahr für Unruhe sorgt. Der Notverkauf des traditionsreichen US-Investmenthauses Bear Stearns schürt nun die Angst vor einer Bankenkrise historischen Ausmaßes. Um Einhalt zu gebieten, öffnen die Währungshüter rund um den Globus bereitwillig die Geldschleusen. Beinahe minütlich rechnen die Anleger mit einer erneuten Leitzinssenkung durch die US-Notenbank Federal Reserve, ebenso wie mit Stützungskäufen am Devisenmarkt, zusammen mit anderen Zentralbanken.

Trotz allem könnte sich der Abwärtstaumel noch beschleunigen: Alle großen Kreditinstitute Amerikas öffnen in den nächsten Tagen ihre Bücher, ebenso namhafte Adressen aus Europa. Nur notorische Optimisten glauben, dass dies ohne neue Schockwellen für die Finanzmärkte abgehen wird.

Was lange wie ein exotisches Problem übereifriger Spekulanten am US-Immobilienmarkt ausgesehen hat, ist längst bei uns angekommen. Die deutschen Aktien rutschten am Montag auf neue Jahrestiefststände, zugleich erreicht der Euro eine für hiesige Exporteure äußerst unwillkommene Stärke. Und der Ölpreis, getrieben von Investoren, denen Aktienanlagen zu heikel geworden sind, markiert neue Rekorde. Damit hat die Finanzkrise die Realwirtschaft längst erreicht.

Nun blickt die Welt auf Ben Bernanke, den Chef der Federal Reserve. Er hat die heikle Aufgabe, die Wirtschaft aus der Angstfalle zu befreien. Sein Kernproblem ist das Misstrauen der Banken untereinander: Die Institute haben kein Gefühl mehr für die Kreditwürdigkeit der Konkurrenz und verleihen Geld nur noch gegen enorme Risikoprämien. Ob die Notenbank gut beraten ist, angesichts dessen schlicht den Preis des Geldes zu drücken, ist fraglich. Zumal die Fed seit dem Sommer schon mehr als ein Dutzend Zinsschritte unternommen, mit ihrer Politik des billigen Geldes bei Firmen und Verbrauchern bislang aber nichts erreicht hat. Die USA stecken daher vermutlich schon mitten in der Rezession.

Jetzt ist guter Rat teuer. Ordnungspolitisch ist es zwar bedenklich, dass die Fed angezählte Banken rettet, die normalerweise vom Markt verschwinden würden. Bliebe sie untätig, riskierte sie aber noch größere Pleiten, noch weiter reichende Verwerfungen. Deshalb kann sie die Banken nicht ihrem Schicksal überlassen. Heikel dürfte es werden, sollte Ben Bernake mit seinen Feuerwehreinsätzen erfolglos bleiben. Bei einem Leitzinssatz von 3,0 Prozent ist dieses Instrument bald ausgereizt, ohnehin droht dem Land wegen der niedrigen Zinsen ein massiver Inflationsschub.

Schon jetzt gibt es Stimmen, die die Not leidenden US-Banken in Staatsbesitz überführen wollen. Zumindest mit der Möglichkeit, die faulen Kredite der Bürger zu übernehmen, muss sich Washington nun beschäftigen. Das dürfte nicht nur einige Dutzend Milliarden Dollar kosten, sondern einige Hundert. Fest steht aber: Lässt sich Amerika nicht bald etwas Neues einfallen, wird es noch gefährlicher für den Rest der Welt.

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