Finanzkrise : Die Jagd nach Rendite

450 Milliarden Dollar Schaden: Anleger und Banken zahlen derzeit den Preis für das zu lange zu billige Geld - und für die Gier nach mehr Gewinn. Doch wer lebt schon gerne ohne Rendite - und ohne Risiko?

Alfons Frese

Michael Glos muss es wissen, denn er ist ja der Bundeswirtschaftsminister. „Wir erwarten von der US-Hypothekenkrise keine negativen Einflüsse auf das sehr robuste reale Wirtschaftswachstum in Deutschland.“ Aufatmen allerorten, bei Banken und Anlegern, Unternehmen und Fonds? Keine Spur. In Wirklichkeit weiß Glos nämlich überhaupt nichts. Niemand weiß, wo überall noch Minen liegen im internationalen Finanzsystem. Weil niemand mehr richtig durchblickt, die Banken nicht, die Fonds nicht, die Börsen nicht. Und weil niemand nichts weiß, sind alle misstrauisch und wollen kein Geld mehr aus der Hand geben. Doch wenn das Schmiermittel der Wirtschaft weggeschlossen wird, kollabiert das gesamte System. Deshalb haben die Zentralbanken in den vergangenen Tagen ein paar hundert Milliarden in den Geldmarkt gepumpt. Gewissermaßen anstelle der „normalen“ Banker, denen die Angst in den Knochen steckt und die deshalb auf dem Geld sitzen.

Die Ursachen des Debakels sind schlicht und komplex zugleich. Die Politik des billigen Geldes, hauptsächlich betrieben von der amerikanischen Notenbank ab 2001, hat nicht nur Hausbauer oder -käufer auf den US-Immobilienmarkt gelockt, die dort aufgrund ihres Einkommens eigentlich nicht hingehören; mit steigenden Zinsen werden die Kredite zu teuer und können nicht zurückgezahlt werden. Die laxe Geldpolitik hat auch das enorme Wachstum von Private-Equity- und Hedgefonds überhaupt erst ermöglicht, weil die mit dem billigen Geld Firmen kaufen und zocken konnten. Auf der anderen Seite drückte das billige Geld natürlich auch die Zinsen bei der Geldanlage. Deshalb haben vor allem die großen Anleger, also Versicherungen, Pensionsfonds und Investmentfonds, zunehmend neue Anlagen mit hoher Rendite gesucht. Zum Beispiel bei Hedgefonds, die kräftig bei der Entwicklung neuer Finanzprodukte mit tollen Gewinnen beteiligt waren. Und die so gut wie nie Auskunft geben über die Risiken dieser Finanzprodukte.

Auf der Jagd nach Rendite lassen sich die Jäger halsbrecherische Instrumente einfallen. Platt gesagt verkaufen Banken ihre Kreditforderungen weiter an Hedgefonds, die ihr Geld wiederum auch von Lebensversicherungen bekommen oder von Investmentfonds, in denen ganz normale Anleger investieren. Wenn die Kredite platzen, hat der Hedgefonds ein Problem – genauer: die Geldgeber des Hedgefonds haben es. Deshalb wollten manche Anleger jetzt ihr Geld zurück, was dazu führte, dass Fonds geschlossen werden mussten. Das ist wie bei einer Bank: Wenn die Leute plötzlich ihre Konten leer räumen, ist die Bank erledigt.

Wer im aktuellen Fall wie viel zahlt oder gar auf der Strecke bleibt, ist offen. Schätzungen zufolge – wenn man die Verluste der Düsseldorfer IKB Bank hochrechnet – kostet die Krise Banken, Versicherer, Fondsgesellschaften und Anleger weltweit 450 Milliarden Dollar. Das ist der Preis für das zu lange zu billige Geld, das ist der Preis für fahrlässige Kreditvergabe und für die Gier nach mehr Gewinn.

Die deutschen Lebensversicherungen kommen vermutlich einigermaßen davon, weil sie nur einen sehr kleinen Teil des Geldes ihrer Kunden in hochriskante Anlagen stecken dürfen. Eine sinnvolle Schutzschranke zum Schutz der Versicherten. Inwieweit auch das Verhalten von Hedgefonds reguliert gehört, wird nun wieder verstärkt diskutiert. Beim G-8-Gipfel konnte sich die deutsche Regierung nicht mit der Forderung nach einem Verhaltenskodex durchsetzen. Doch ohne mehr Transparenz, ohne Klarheit über die Risiken sind Hedgefonds zu gefährlich für das Finanzsystem.

Für den kleinen Anleger sowieso. Dessen Umgang mit dem Geld hängt entscheidend ab von der Bank, vom Berater. Auch deshalb kommt den Banken, aktuell ein Teil des Problems, große Verantwortung zu bei der Problemlösung. Aufklärung und Beratung werden wichtiger, das Versprechen fetter Renditen immer hohler. Doch am Ende muss jeder selbst wissen, was er mit seinem Geld macht, wie er sich informiert, wem er Glauben schenkt. Am sichersten bleibt das Sparbuch. Doch wer lebt schon gerne ohne Rendite – und ohne Risiko?

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