Finanzkrise : Lieber ein gefallener Held …

… als gar keiner: Eine Antwort auf die globale Finanzkrise hat niemand, aber erwartet werden große Dinge. Nicht handeln ist auch handeln. Wer abwartet, wird möglicherweise die falsche Nachricht unter den Konsumenten verbreiten.

Ursula Weidenfeld
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Illustration: Klaus Stuttmann

Es herrscht kaum noch ein Zweifel: Die Weltwirtschaft fährt mit hohem Tempo in die schwerste Krise seit 1929. Banken wie die einst überragende Citigroup müssen verstaatlicht werden, damit sie nicht zusammenbrechen. Autokonzerne betteln bei der Politik um Hilfe. Einst gesunde Familienunternehmen kratzen inzwischen verzweifelt ihre letzten Barreserven zusammen, weil die Versicherungen ihnen die Lieferpolicen streichen. Die Preise fallen überall, aber niemand kauft. Wenn es in den vergangenen achtzig Jahren jemals einen keynesianischen Moment gegeben hat, dann ist es wahrscheinlich dieser.

Nur: Keiner derjenigen, die heute in der Politik, in den Notenbanken und in den Unternehmen Verantwortung tragen, hat so etwas schon einmal erlebt. Niemand weiß, wie man diese Krise tatsächlich am besten bewältigt, nicht einmal eingefleischte Keynesianer mögen sich dafür verbürgen, dass staatliche Ausgabenprogramme nun wirken. Alle jedoch ahnen, dass die Entscheidungen der kommenden Wochen und Monate alles verändern werden. Selbst wenn sie das drohende Desaster nicht beenden oder auch nur lindern: Das, was nun getan wird, ist wichtig. Es ist relevant für die Weltwirtschaft, für die einzelnen Länder, für jeden Einzelnen. Auch für die Entscheider selbst. Ihr Ruf, ihre weitere Karriere und vielleicht auch ihr Platz in der Geschichte werden maßgeblich davon abhängen, ob sie jetzt das Richtige tun oder das Falsche.

Was aber ist richtig, was falsch? Niemand weiß es. Die Ökonomen, der Internationale Währungsfonds, die Unternehmen und Banken verlangen in bemerkenswerter Einmütigkeit nach spürbaren Konjunkturpaketen, oder nach Steuersenkungen, oder nach Geldgeschenken für die Bürger, oder nach allem zusammen. Die Situation verlangt nach großen Gesten.

Einen Großbrand kann man nicht einfach hinnehmen und lodern lassen. Auch wenn man ihn nicht löschen kann, so muss man doch alle Feuerwehrfahrzeuge ausrücken lassen, Krankenhäuser in Alarmbereitschaft versetzen, internationale Hilfe erbitten, sich selbst mit Feuerwehrhelm und schweren Stiefeln in die erste Reihe der Brandbekämpfer stellen. Und wenn es noch so sinnlos wäre, niemand würde einen Staatschef verstehen, der es anders machte. In Krisenzeiten muss das Führungspersonal Haltung zeigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel aber zögert. In Deutschland sei alles ja noch nicht so schlimm, sagt sie, die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig, der Konsum stabil. Das stimmt. Aber zu denken, dass ein Land wie Deutschland ohne Verbrennungen davonkommt, wenn ein Großfeuer ringsum alles bedroht, ist sehr optimistisch. Der neue US-Präsident Barack Obama oder der französische Präsident Nicolas Sarkozy wissen es zwar auch nicht besser. Doch sie spüren die Erwartungshaltung der alarmierten Öffentlichkeit. Große Krisen brauchen große Antworten, alles andere verletzt das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Genugtuung. Wer handelt, wird vielleicht scheitern. Aber ein gefallener Held ist besser als ein Zauderer.

Die USA werden jetzt von einer Phase der Deflation bedroht. Es kann sein, dass dieses Phänomen auch den Euroraum erreicht, trotz der Zinssenkung, trotz der Geldmengen, die im Augenblick praktisch unkontrolliert in die Wirtschaft gepumpt werden. Mit einer deflationären Phase aber käme das Wirtschaftsleben zum Erliegen. Die Unternehmen und die Konsumenten würden nichts mehr kaufen, weil sie glauben, dass alles noch billiger wird.

Sie würden noch mehr Bargeld horten, weil es an Wert gewinnt. Lieferungen würden nur noch gegen Cash erledigt. Unternehmen, die sich in der Vergangenheit verschuldet haben, würden alle Anstrengungen darauf lenken, ihre Schulden möglichst schnell zurückzufahren – auch wenn dadurch Arbeitsplätze, Produktion und Zukunftsfähigkeit der Firma selbst bedroht sind.

Verhindert man das, indem man die Steuern senkt? Oder wäre es besser, beispielsweise anzukündigen, die Mehrwertsteuer in Schritten alle drei Monate anzuheben, um die Konsumenten in die Läden zu scheuchen? Würden die Menschen in einer solchen Situation geschenkte Steuerschecks zu Sparguthaben machen, oder würden sie das Geld wie gewünscht auf den Kopf hauen? Muss man ein Verfallsdatum auf die Geldscheine drucken, um zu versuchen, den Markt wieder in Gang zu bringen? Wer bezahlt die Rechnung für eine solche Politik? Und wann muss die Rechnung beglichen werden?

Mit all solchen Fragen schlagen sich im Augenblick die Ökonomen weltweit herum. Wenn man ihre Antworten analysiert, kann man zwar verstehen, warum die Bundesregierung im Augenblick lieber nichts tun will und ihre Entscheidungen auf den Januar vertagt. Bloß: In ein oder zwei Monaten wird niemand viel klüger sein. Allein die Andeutung aber, dass man möglicherweise später handeln werde, ist schädlich. Wer wird heute ein Auto kaufen, wenn er vermutet, in zwei Monaten eine weitere Steuersubvention zu bekommen? Wer isoliert sein Haus, wenn er damit rechnet, in wenigen Wochen noch mehr Zuschüsse dafür einsammeln zu können? Wer investiert in eine neue Maschine oder Anlage, wenn der Staat Steuererleichterungen in einigen Monaten in Aussicht stellt?

Zögern ist heute mehr als der möglicherweise ehrenwerte Verzicht auf eine große Show in schweren Zeiten. In diesen Zeiten zählt jedes Nichthandeln als Handeln. Auch Zögern ist relevant.

Die Autorin ist Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „Impulse“.

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