Meinung : Flammende Autos, brennende Wahrheiten

Pascale Hugues, Le Point

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Ah, wie musterhaft wirkte Frankreich, wenn man nicht zu genau hinsah! Wie vorbildlich erschien den Deutschen die französische Integrationspolitik! „A la française!“ titelte die „Zeit“ nach dem Sieg der „Blauen“, des „kunterbunten Teams“ von Zidane bei der Weltmeisterschaft 1998. „Jetzt brauchen wir ein neues deutsches Staatsbürgerschaftsrecht – nach französischem Vorbild“, forderte die Wochenzeitung.

Man schielte nach Frankreich, dem Einwanderungsland, das allen auf seinem Boden geborenen Kindern seinen Pass und seine Fahne zugesteht, statt wie Deutschland an einem anachronistischen Blutrecht festzuhalten, das „faschistischen Ungeist atmet“. Man war neidisch auf eine wahrhaft multikulturelle Gesellschaft, in der Fernsehmoderatoren milchkaffeebraun sind und Fußballer schwarz. Nach dem Pisa-Schock wird die französische Ganztagsschule zum leuchtenden Vorbild: Sie integriert die Kinder der Einwanderer und bringt ihnen Französisch und die republikanischen Werte bei. Auf Bewunderung stieß auch die Konsequenz des französischen Staates, der – im Namen der Trennung von Kirche und Staat – das Kopftuch in den Schulen verbietet. Man ließ sich von den geschliffenen Reden der französischen Politiker einlullen, die als Gastredner der großen internationalen Organisationen die kulturelle Vielfalt predigten und sich dabei auf die heilige Dreifaltigkeit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ beriefen. Im Bewusstsein einer universellen Mission und als Hüterin der Menschenrechte gab Frankreich ihr Wissen nur zu gern weiter.

War es denn nicht so, dass wir in Frankreich schließlich an das schmeichelhafte Bild glaubten, das unsere Nachbarn uns vorspiegelten? Vor einem Monat erschien unter dem im Nachhinein grotesken Titel „Die glückliche Integration“ eine Beilage von „Le Monde“, in der Migranten zu Wort kamen. Ethnische Krawalle gehören in das englische Brixton und in das deutsche Rostock. Die Ghettos heißen Bronx oder Harlem, aber doch nicht Clichy-sous-bois oder Epinay-sur-Seine. Die Samstagabend-Unruhen, die sich Ende der 80er Jahre in Straßburg, Marseille und Mantes-la-Jolie abspielten, waren die chronische Krankheit der „sozialen Brennpunkte“. Als im Frühjahr in Paris heruntergekommene Gebäude brennen, in denen Migranten wohnen, sind das nur bedauerliche Zwischenfälle. Dass im Jahr 2002 zwanzig Prozent der Franzosen rechtsextreme, rassistische Parteien gewählt haben, ist eine fast schon vergessene Entgleisung.

Doch seit es in den Vororten brennt, wird die Erinnerung an frühere Symptome plötzlich wieder wach. Die Nächte der Gewalt verdrängen die schöne Legende vom Multikulti. Frankreich wird mit den Fakten konfrontiert. In den Vierteln der Reichen, in den Büros der Minister kann man die Ohren nicht länger vor den Schreien verschließen, die schon seit Jahren aus den Vororten dringen. Man erinnert sich an den Minister-Bericht, in dem vor zwei Jahren stand, dass die rassistische und antisemitische Gewalt sich im Jahr 2004 beinahe verdoppelt und ein „bisher unbekanntes Niveau“ erreicht hat. In der Zeitung liest man die Klagen eines Vorortlehrers, die Heranwachsenden könnten Französisch nicht lesen und manchmal kaum sprechen; im Radio berichten junge Leute von Polizeirazzien, von alltäglichen Schikanen der französischen Beamten. Endlich nehmen die Besucher der angesagten Clubs in den wohlhabenden Stadtvierteln die Texte der Rapsongs bewusst wahr: Sie sprechen von Drogen, Gewalt, Hoffnungslosigkeit und dumpfer Wut. Die Sozialarbeiter schildern winzige Wohnungen, Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Bildungschancen, überforderte Eltern, Kinder, die dem Gesetz der Straße ausgeliefert sind. Der Vorhang hebt sich über dem großen Elend der ethnischen Beziehungen in diesem Frankreich, das die verkündeten Werte nicht umsetzen kann. Ein Mythos geht zu Ende.

Dass der Innenminister die Jugendlichen in diesen Vierteln als „Abschaum“ bezeichnet, ist keine unmotivierte Provokation. Dass er den Notstand wie zu Zeiten des Algerienkriegs ausruft, ist nicht nur Mangel an psychologischem Taktgefühl. Sarkozy, der 2007 zur Präsidentschaftswahl antreten will, weiß sehr wohl, dass die Krawalle den Rechtsextremisten unverhofften Auftrieb geben. Die Front National hat ein Plakat drucken lassen: „Einwanderung, Explosion der Vororte … Le Pen hatte es vorhergesagt“ und behauptet, die Parteizentrale werde von Anträgen auf Mitgliedschaft überschwemmt. Der gestärkte Le Pen spricht von den „Anfängen eines Bürgerkriegs“ und beschwört den „Zerfall Frankreichs“. Das kunterbunte Idyll à la française ist weit, weit weg.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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