Meinung : Fluch des Erfolgs

Seit 20 Jahren im Bundestag: Die Grünen laufen Gefahr, als Generationenpartei zu enden

Hans Monath

Vor zwanzig Jahren war der Mann, der so gern auf seinem Stuhl im Parlament lümmelte, noch keine große Nummer. Auch ein gewisser Joschka Fischer gehörte zu den neu gewählten Grünen-Bundestagsabgeordneten, die am 29. März 1983 in den Bundestag einzogen. Heute setzen Partei und Fraktion auf das politische Talent des Außenministers, der in den eigenen Reihen so viel Gestaltungsmacht hat wie nie zuvor. Beim Jubiläum wird er nicht im Mittelpunkt stehen. Aber es ist ein schöner Brauch, bei solchen Gelegenheiten nicht nur die Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre zu loben, sondern auch nach vorne zu blicken. Also: Ist der „Elder Statesman“ Fischer in zwanzig Jahren noch ein Politstar? Und was wäre seine Partei irgendwann ohne ihn?

Wer diese Frage stellt, will wissen, ob die Grünen als Projekt der Protestgeneration enden werden oder eine politische Kraft sind, die so viele Ideen und Antworten bietet, dass die Wähler ihr weiter die Treue halten. Fischers Popularität mag in Kriegszeiten einen neuen Höhepunkt erreicht haben: Die große Stärke der Partei im Urteil der eigenen Anhänger bleibt ihre Kompetenz und Glaubwürdigkeit in der Umweltfrage. Dieses Thema haben die Grünen erst in die hohe Politik hineingetragen. Mit dem Erfolg, dass auch keine andere Partei die Ökologie als Ziel verleugnen kann.

Der erste Anspruch der Grünen war radikal, denn sie stellten das Ganze infrage: Es ging nicht, wie heute, um kleine Reparaturmaßnahmen, damit der Sozialstaat oder die Weltwirtschaft besser, länger und gerechter funktioniert, sondern um das Aufhalten einer als insgesamt verhängnisvoll erlebten Entwicklung, eben nicht um die Alternative im System, sondern um die Alternative zum System. Das war vermessen und auch gefährlich, garantierte aber eine Botschaft mit Durchschlagskraft, die alle spätere Einbindung in die geltenden Regeln überstand.

Wer die Umwelt bewahren will, ist im Grunde ein Konservativer. Deshalb waren – trotz aller Radikalität im Auftreten – die Grundströmungen der Grünen schon damals widersprüchlich: Aus der Anti-Atomszene, aus der Friedensbewegung und aus der klassischen Linken kamen die stärksten Kräfte. Die Anti-Atombewegung wird sich erledigen, wenn die Grünen weiter Erfolg haben, die Friedensbewegung ist den Weg durch die Institutionen überwiegend mitgegangen, ihre Puristen haben noch Minderheitenrechte in der Partei, die stärksten Vertreter der klassischen Linken sind durch Machtbeteiligung als Strömungspolitiker stillgelegt und setzen inzwischen auch ihre Verhinderungskraft kaum mehr ein.

Trotzdem sehen sich die meisten Anhänger der Grünen als Linke. Die neuen Herausforderungen für Wertkonservative, wie sie die gen- und bioethische Debatte spiegelt, treiben zwar auch viele Grüne um, sie scheinen aber zu kompliziert, um daraus eine wirksame politische Botschaft zu formen.

Als die Alternativen an jenem Märztag vor zwanzig Jahren im Bundestag auftauchten, waren sie in ihrer Sprache und ihrem Habitus noch unverwechselbar. Die Rebellen traten ins hohe Haus. Es sollte sie in zwei Jahrzehnten mehr verändern, als sie umgekehrt den politischen Betrieb umkrempeln würden. Geplant hatte das niemand, sie konnten gar nicht anders. Heute nennen junge Grünen-Abgeordnete einen spröden Begriff wie „Nachhaltigkeit“, wenn sie beschreiben, was sie im Innersten antreibt. Ist das die Botschaft für die Post-Fischer-Ära, über die viele Grüne schon nachdenken? Zu ihrem Jubiläum feiert die Partei also nicht nur eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte, sondern sie muss sich auch Sorgen machen über die nächsten 20 Jahre.

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