Flucht nach Europa : Über das Mehr

Sarkozys Mittelmeerunion, ein Migrationszentrum in Mali, die verstärkte Zusammenarbeit mit Libyen im Energiebereich – all dies ist bislang Stückwerk. Die EU muss einen echten Dialog mit den Ländern suchen, die ihre eigene Jugend nicht mehr ernähren können - und dies nicht nur während der Fluchtsaison.

Albrecht Meier

Still ruht die See. Nachdem das Flüchtlingsdrama vor der Küste Libyens die Öffentlichkeit kurzzeitig aufgewühlt hat, geht inzwischen scheinbar wieder alles seinen normalen Gang. Auf der Liste der Aufreger-Themen rangiert die Wirtschaftskrise weiterhin ganz oben. Was von dem Untergang eines völlig überfüllten Flüchtlingsbootes zurückbleibt, sind verstörende Bilder geretteter Menschen, am Boden liegend, dem Tode näher als dem Leben.

Es sind Bilder, an die man sich gewöhnt zu haben glaubt und die man mit rationalen Überlegungen meint wegschieben zu können: Es ist nicht die erste Flüchtlingstragödie, und es wird nicht die letzte bleiben – und tragen nicht auch die Herkunftsländer der Flüchtlinge eine Mitschuld? Für europäische Kinder, die bei den abendlichen Fernsehnachrichten mit den geretteten Menschen konfrontiert waren, haben die Bilder aber möglicherweise noch eine ganz andere Bedeutung: Sie könnten der Vorbote einer viel größeren Flüchtlingswelle sein, die in einigen Jahren kommt. Oder sie könnten einen Wendepunkt für eine gerechtere Zukunft markieren. Einen Punkt, an dem sich die EU dazu aufraffte, sich tatsächlich mit den Ursachen der Wanderungsbewegungen auseinanderzusetzen.

Man mag – bis zur nächsten Flüchtlingskatastrophe, bis zur nächsten medialen Instant-Aufregung – viele Gründe finden, die Mitverantwortung der Europäer für das Leid auf dem afrikanischen Kontinent zu leugnen. So kann man sich zu Recht über die Art und Weise echauffieren, wie einige Politiker, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, ganz offen damit drohen, den Auswanderungsdruck Richtung Europa noch zu erhöhen. Es lässt sich anprangern, dass gelegentlich Machthaber in Entwicklungsländern am Menschenschmuggel mitverdienen. Es ist nicht falsch zu sagen, dass es häufig gerade nicht die Ärmsten der Armen sind, die sich auf eine oftmals tödlich endende Reise machen.

Doch all das ändert nichts daran, dass die Europäische Union an ihren Südgrenzen mit diesem Wanderungsdruck konfrontiert ist. Weil andere Wege nach Europa zunehmend versperrt sind, gilt Libyen als Durchgangsland für irreguläre Einwanderer aller Art, die den gefährlichen Weg über das Meer suchen: Wirtschaftsflüchtlinge, Asylbewerber, Opfer von Menschenschmugglern und Kinder, die ohne ihre Eltern auf die Reise geschickt werden. Wenn sich etwas ändert, dann ist es nicht die Perspektivlosigkeit, die in einigen Gegenden Afrikas, des Nahen Ostens oder im Süden Asiens herrscht. Es sind nur die Routen, welche sich wandeln. Galten vor zwei Jahren die Kanarischen Inseln als Fluchtpunkt, so sind es jetzt Lampedusa, Sizilien und Sardinien. Auch Griechenland sieht sich verstärkt mit Flüchtlingen konfrontiert, etwa aus dem Irak.

Natürlich wäre die Europäische Union überfordert, wollte sie alle aufnehmen, die sich innerhalb ihrer Grenzen eine bessere Zukunft erhoffen. Neu ist auch nicht die Erkenntnis, dass Europa mehr tun muss, will es mit den Herkunftsstaaten bei der Bekämpfung der Flüchtlingsursachen wirklich zusammenarbeiten. Nur schlägt sich in der EU-Politik wenig davon nieder: Sarkozys Mittelmeerunion, ein Migrationszentrum in Mali, die verstärkte Zusammenarbeit mit Libyen im Energiebereich – all dies ist bislang Stückwerk. Die Europäische Union muss einen echten Dialog mit den Ländern suchen, die ihre eigene Jugend nicht mehr ernähren können – und dies nicht nur während der Fluchtsaison.

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