Meinung : Flüchtige Bekanntschaft

Der Aufschwung braucht weitere Impulse – sonst verschwindet er wieder

Carsten Brönstrup

Hat denn das Warten nie ein Ende? Seit beinahe 68 Monaten hoffen die Deutschen auf einen nennenswerten Aufschwung, darauf, dass ihre Wirtschaft um mehr als ein Prozent im Vergleich zum Vorquartal wächst. Ende 2005 hat es dem Statistischen Bundesamt zufolge wieder nicht geklappt: Um 0,0 Prozent hat sich das Bruttoinlandsprodukt im letzten Quartal „verändert“. Und das, obwohl Politiker, Unternehmer, Börsianer und Wirtschaftsexperten seit Wochen verkünden, dass der Aufschwung bereits begonnen hat, dass es 2006 ein Wachstum von satten zwei Prozent geben wird, dass sogar wieder neue Arbeitsplätze entstehen.

Liegen sie alle falsch? Vermutlich nicht, denn schon in den vergangenen Jahren haben die Statistiker das tatsächliche Wachstum oft unterschätzt, vor allem die Einnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft mussten sie oft nachträglich nach oben korrigieren. Zudem stützt sich die Hoffnung auf eine bessere Konjunktur nicht allein auf eine bessere Stimmung in der Wirtschaft. Die Zahl der Firmenpleiten sinkt, die Unternehmen besorgen sich bei den Banken wieder mehr Kredite, investieren so viel in neue Maschinen wie lange nicht, sind sogar wieder Exportweltmeister geworden. Jede Konjunkturkrise geht einmal zu Ende, bei der deutschen ist es höchste Zeit.

Trotzdem zeigt ein genauer Blick auf die Wirtschaftslage, dass der Aufschwung 2006 noch keine ausgemachte Sache ist. Offenbar glauben derzeit viele an bessere Zeiten, weil sie des Jammerns müde sind und endlich wieder hoffen wollen. Die Stimmung ist besser als die Lage – und das Wachstum immer noch fragil. Man muss kein Pessimist sein, um noch eine Menge Risiken auszumachen: die Vogelgrippe, den Atomstreit des Westens mit dem Iran, den womöglich erneut steigenden Ölpreis. Schon ein kleiner Schock reicht aus, um die Dynamik wieder zunichte zu machen – dann ginge die Stagnation in das fünfte Jahr.

Diese Anfälligkeit muss auch einer Regierung zu denken geben, die sich vorgenommen hat, die Wachstumskräfte des Landes zu stärken. Es reicht nicht, einfach auf ein Anspringen der Binnennachfrage zu hoffen, wie es der Wirtschaftsminister Michael Glos angesichts der enttäuschenden Zahlen vom Dienstag tut. Sie muss dafür sorgen, dass Deutschland ebenso früh wie andere Industrienationen von der Belebung der Weltwirtschaft profitiert – und nicht erst mit gut einem Jahr Verzögerung. Dazu sind mehr Veränderungen nötig, als sich die große Koalition bislang zutraut. Vor allem für die Binnenwirtschaft muss die Regierung Merkel etwas tun. Sonst wird der Aufschwung 2006 zu einer flüchtigen Bekanntschaft. Schon in 45 Wochen wollen Sozialdemokraten und Union die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte anheben. Damit werden sie allen Prognosen zufolge das Wachstum mindestens halbieren, wenn es bis dahin keine Impulse von anderer Seite gibt. Die Uhr tickt.

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