Flüchtlinge : Eine unheilige Allianz

Religiöse verhindern, dass Afrikas größtes Problem gelöst wird. Ein Gastkommentar von Karl-Erik Norrman.

Karl-Erik Norrman

Bitter, das erfahren wir dieser Tage erneut, ist die Situation von Flüchtlingen und Einwohnern auf der winzigen Mittelmeerinsel Lampedusa. Die 6000 Insulaner sind überfordert von den 20 000 bis 30 000 meist afrikanischen, illegalen Migranten, die pro Jahr auf der Insel anlanden. Anfangs nahmen die Lampedusani die Flüchtlinge mit offenen Armen auf, nach dem Ethos der Seeleute, Schiffbrüchigen zu helfen. Aber dann wurde es zu viel. Jetzt herrscht Verzweiflung.

Es ist eine aktuelle und eine europäische Geschichte – ähnlich kann man sie auf Malta hören, auf griechischen Inseln, in Südspanien oder auf den Kanaren. Mit kleinen Booten steuern die Menschen Europa an. Tausende sterben während der Überfahrt, Abertausende tauchen nach den Torturen der Reise und der Asylverfahren in die Illegalität ab. Profiteure sind allein jene Agrarkonzerne, die so zu vogelfreien Tagelöhnern kommen.

Wir Europäer sehen uns zu Recht in der humanitären Pflicht, den Flüchtlingen zu helfen. Wie damals die Fischer auf Lampedusa sollte sich auch die Europäische Union ethisch und generös zeigen. Aber wir ignorieren eine wesentliche Ursache der Tragödie der Afrikaner. Viel erfahren wir vom „afrikanischen Elend“, von Bürgerkriegen, Völkermord, Aids und Korruption. Globale Kontexte werden berichtet: Wenn China mehr Fleisch konsumiert, Bauern in Amerika aus Mais Biokraftstoff machen, Ernten in Australien oder Argentinien verderben, dann trifft das auch Afrika. Stets heißt die Quintessenz: Zu viele Menschen, zu wenig Nahrung. Hilflos blickt das Welternährungsprogramm der UN auf Afrikas Steppe an Problemen.

Zwar ist Afrika noch immer vergleichsweise dünn besiedelt, aber der Zuwachs der Bevölkerung ist nirgends massiver. Um 1900 zählte man südlich der Sahara etwa 100 Millionen Einwohner, heute rund 800 Millionen. Steigt die Kurve exponenziell an, werden es 2050 gut zwei Milliarden sein – solange eine Frau weiter im Durchschnitt fünf Kinder und mehr bekommt. Für die Frau bedeutet das einen Mangel an individuellen Möglichkeiten, für die Kinder einen Mangel an Chancen, für den Kontinent einen dramatischen Mangel an Entwicklung.

Aber Familienplanung ist wieder zu einem Tabu der Entwicklungspolitik geworden. Das UN- Bevölkerungsprogramm, UNFPA und IPPF, einmal zentral in der internationalen Entwicklungshilfe, wurden mit den Jahren marginalisiert. Grund dafür ist eine internationale „heilige Allianz“ gegen Familienplanung. Darin sind sie sich einig: Vatikan, amerikanische Evangelisten und Muslime lehnen Geburtenplanung, Abtreibung und Verhütung ab. Alle drei Religionen erfuhren in den vergangenen 15 Jahren einen erheblichen Zuwachs an Macht und Einfluss.

Die Einstellung des Vatikans zu Kondomen ist bekannt, ihre Folgen für die demografische Entwicklung werden selten erwähnt. Es gibt Proteste gegen weibliche Beschneidung oder Polygamie in vielen Ländern. Aber kaum jemand kommentiert, was es für die Chancen der kommenden Generation bedeutet, wenn ein Mann seine Männlichkeit durch 15 Kinder unter Beweis stellt. In den USA wurde das Weiße Haus acht Jahre lang von der evangelikalen Lobby dominiert, kein US-Cent ging an Programme wie UNFPA oder IPPF. Barack Obama hat als eine seiner ersten Amtshandlungen diese Embargopolitik gelockert. Das kann der Anfang einer Wende zur Vernunft sein.

In Afrika muss Armut bekämpft werden, der Kontinent schreit nach Bildung, Aufklärung, Demokratie – nicht nach religiösen Eiferern, die den Menschen dort das wesentliche Wissen willentlich vorenthalten, wie Frauen über ihren Körper selbst bestimmen, Familien eine sinnvolle Größe haben können. Sonst werden immer mehr verzweifelte Söhne und Töchter ihren letzten Cent in diese schreckliche Reise investieren, den Tod im Mittelmeer finden oder vor Inseln wie Lampedusa aufgegriffen werden. Und dann in Neapels Vororten als Camorra Sklaven enden.

Der Autor war Botschafter Schwedens, Vertreter beim Flüchtlingskommissariat und beim Welternährungsprogramm der UN. Er ist Generalsekretär des Europäischen Kulturparlaments.

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