Meinung : Flugaffäre: Meister der Selbstbeschädigung

Christoph von Marschall

Der "Skandal" schien beendet, die Opposition war auf dem Rückzug - auch weil sie auf die falsche Angriffsstrategie gesetzt hatte; die Liste der Flüge nach Frankfurt (Main) und andere Orte gab keine Munition für Rücktrittsforderungen her. Nicht "Ende einer Karriere", sondern "Ende einer Affäre" - das war die mehrheitliche Einschätzung nach dem ersten Tag der Anhörung von Rudolf Scharping im Verteidigungsausschuss. "Der Einzige, der ihm jetzt noch gefährlich werden kann, ist er selber - wenn er Fehler bei der Verteidigung macht", raunten die Insider.

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Scharpings Flugaffäre
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Soll Rudolf Scharping zurücktreten? Auf das Ungeschick des Delinquenten in Fragen der Selbstdarstellung ist offenbar Verlass. Scharping hat sich am zweiten Tag im Ausschuss selbst wieder in die Schusslinie gebracht. Dabei wollte er doch nur den Vorwurf der Opposition ausräumen, er habe sich des Geheimnisverrats schuldig gemacht. Der kam den meisten Beobachtern eher lächerlich vor: Scharping hatte in einer Pressekonferenz beim Truppenbesuch in Mazedonien preisgegeben, auf welchem Weg die Bundeswehr schweres Gerät aus dem Kosovo nach Mazedonien verlegt. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass es nur zwei Routen dafür gibt. Eine war durch Protestierer blockiert, die andere angeblich durch Minen. Am Ende wurde nicht die von Scharping benannte benutzt. Seine Indiskretion war überflüssig. Aber "Verrat"?

Scharping jedoch führte nicht vor, wie dünn die Anklage war. Nein, er wollte sich als überlegter Staatsmann rechtfertigen. Ganz bewusst habe er das gesagt, weil die Briten den Deutschen die versprochene militärische Unterstützung versagt hätten. - Wie bitte? Im Ausschuss schüttelte man verwundert den Kopf. Und die Opposition, die sich schon mit ihrer Niederlage abgefunden hatte, witterte wieder eine Chance. Scharping beschuldigt die Briten, den Beitrag der deutschen Verbündeten sabotiert zu haben? Das klingt nach einer Belastung der Beziehung - so oder so, je nachdem, ob es stimmt oder ob Scharping schwindelt.

Scharping verteidigt sich mit einer Verschwörungstheorie. Auch dieser Fehler unterläuft ihm nicht zum ersten Mal. Während des Kosovo-Krieges argumentierte er mit dem "Hufeisenplan" als Beweis für einen Genozid der Serben an den Albanern - und musste sich später vorwerfen lassen, dies sei ein Machwerk des bulgarischen Geheimdienstes. Was bis heute nicht geklärt ist.

Geheimnisverrat, empört sich nun die Opposition erst recht. Einen Moment, Geheimnisverrat, weil der Minister in nicht-öffentlicher Sitzung den zuständigen Ausschuss informiert? Dazu wird es doch erst durch den, der diese Nachricht an die Öffentlichkeit weitergibt. Aber auch das waren nicht Scharpings Jäger, jedenfalls nicht allein. Sein Staatssekretär und sein Generalinspekteur erregten sich vor den Türen so über Scharpings Verteidigungsmanöver, das ihm zur Selbstanklage geriet, dass die Journalisten es schwer überhören konnten.

Da ist das beunruhigende Bild wieder: Scharping außer Kontrolle und beratungsresistent. Und damit auch wieder die ernste Frage: Kann dieser Mann Verteidigungsminister bleiben?

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