Meinung : Fördern, nicht retten

Von Holzmann bis Sanofi: Was der Staat darf und was nicht Von Dieter Heuskel

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Global agierende Unternehmen können es sich heute schlicht nicht leisten, nicht über Auslagerung oder sogar Abwanderung nachzudenken. Der globale Wettbewerb unterliegt regional sehr unterschiedlichen Bedingungen. Deren Angleichung wäre wünschenswert, tatsächlich geschieht das Gegenteil: Die Unterschiede verstärken sich, auch aufgrund aktiver Industriepolitik. Der Standortwettbewerb dreht sich keineswegs nur um die niedrigsten Löhne und Steuern. Ebenso zählen Ausbildungs und Forschungsqualität, ein wettbewerbsfähiges Steuersystem und eine positive Zukunftsorientierung der Gesellschaft.

Industriepolitik hat aus zwei Gründen einen schlechten Ruf: Jede Form staatlicher Intervention steht im Verdacht, die Wettbewerbsbedingungen zu verzerren; und viele spektakuläre Rettungsaktionen bei maroden Firmen haben sich als Fehlschläge erwiesen. In Europa werden vor allem zwei Aspekte debattiert: die Makroebene der allgemeinen Rahmenbedingungen und die Unternehmensebene, in Form von „Kriseninterventionen“ oder, wie jetzt, in Form der Förderung „nationaler Champions“. Es kommt jedoch wesentlich auf eine dritte – die „mittlere“ – Ebene an: die Branchen.

Eine Studie der Boston Consulting Group zur langfristigen Entwicklung in zehn wichtigen Industrien zeigt, dass sich in vielen Branchen im Zuge der Konsolidierung regionale Schwerpunkte bilden. Beispiel Pharmaindustrie: Dort haben vor allem US-Firmen die Konzentration stark voran getrieben; unter den zehn weltweit größten Unternehmen sind fünf US-Firmen. Ähnlich in anderen innovationsstarken Branchen. Umgekehrt hat sich die Automobil- und Zulieferindustrie in Europa sehr gut behauptet. Bei einer dritten Gruppe ist die Entwicklung noch unklar, zum Beispiel im Finanzdienstleistungssektor, bei Banken und Versicherungen.

Die Standortwahl der „Großen“ jeder Branche wirkt sich unmittelbar auf den Arbeitsmarkt aus. Ihnen folgen Zulieferer sowie Forschungs- und Entwicklungsinstitutionen. So bilden sich Zentren für hoch qualifizierte Wissenschaftler und Mitarbeiter. Der viel beklagte „Brain Drain“, die Abwanderung talentierter Forscher ins Ausland, ist (auch) eine Folge der wirtschaftlichen „Austrocknung“, wie in der Biotechnologie.

Der stark gewachsene Anteil amerikanischer Pharmakonzerne an den Top 30 lässt sich auf relative Vorteile gegenüber Europa oder Asien zurückführen: Sie sind frei in ihrer Preisgestaltung, dürfen für ihre Medikamente frei werben und profitieren von schnelleren Zulassungsverfahren sowie hohen staatlichen Investitionen in Gesundheitsprogramme.

Europas und speziell Deutschlands Automobilindustrie nutzt eine über Jahrzehnte etablierte Leistungstradition; sie kommt in gesellschaftlicher Akzeptanz und einer Vielzahl von Förderungen zum Ausdruck: Investitionen in Infrastruktur oder einheitliche Sicherheits- und Abgasvorschriften.

Konsolidierungserfolge hängen also von Staat und Gesellschaft ab. Die Gestaltung des Emissionshandels in Deutschland hat unmittelbar Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Energie-, Stahl- und Pharmaindustrie. Werden ausschließlich europäische Unternehmen mit den Kosten des Emissionshandels belastet, sind außerhalb Europas hergestellte Produkte um diesen Anteil günstiger.

Aufgabe einer aktiven nationalen wie europäischen Industriepolitik sollte es sein, die Wettbewerbsbedingungen so zu gestalten, dass europäische Unternehmen im internationalen Wettbewerb agieren können. Den stärksten Hebel bietet die Stärkung einzelner Wirtschaftszweige, in Deutschland beispielsweise der Prozessindustrien wie Chemie und Stahl sowie Automobil- und Maschinenbau – und die Investition in Zukunftsindustrien wie Biotechnologie, Medizintechnik und Pharma oder auch Telekommunikation.

Industriepolitik in diesem Sinne ist nicht zu verwechseln mit Interventionismus, um deutsche Unternehmen zu „retten“ oder vor Wettbewerbern zu schützen. Das französische Eingreifen im Fall Sanofi-Aventis ist kein sinnvoller Weg staatlicher Wirtschaftsförderung. Das zeigt die Erfahrung mit „Erhaltungssubventionen“.

Gefordert ist politische Unterstützung auf nationaler Ebene allerdings, wenn sichtbar wird, dass unternehmensstrategische Wachstumsziele eines Wettbewerbers ganz erheblich politisch unterstützt werden. Hier auf eine „Einmischung“ zu verzichten, hieße den deutschen Unternehmen die Unterstützung zu versagen, auf die beispielsweise französische Konzerne rechnen können – und so die ungleichen Wetbewerbsbedingungen noch zu verstärken.

Der Autor ist Deutschland-Chef der Boston Consulting Group.

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