Meinung : Folgen fehlender Gefolgschaft

Der Putsch des 20. Juli scheiterte an der Treue der Deutschen zu Hitler Von Rafael Seligmann

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Warum und woran scheiterte der UmsturzVersuch des 20. Juli 1944? Statt nach den Ursachen für das Misslingen zu fragen und Lehren zu ziehen, ergeht sich Deutschland in einer Spiegelfechterei um die Würdigung der Attentäter. Dabei teilt die staatstragende Mehrheit die Haltung Helmut Kohls, der den Anschlag „ein unzerstörbares Fundament unserer menschenwürdigen Ordnung“ nennt.

Diese Beurteilung stößt auf zunehmendes Unbehagen. Publizisten und Historiker äußern sich kritisch über die Motive der aufständischen Offiziere. Stauffenberg und eine Reihe seiner Mitverschwörer hätten 1933 die Machtergreifung der Nazis begrüßt. Später habe das Offizierskorps die Führung von Angriffs- und Vernichtungskriegen ermöglicht. Die Militärs hätten Karriere gemacht und die Verbrechen des Regimes hingenommen. Erst als die Niederlage unabwendbar gewesen sei, hätten die Putschisten ihr Schicksal von dem des untergehenden Diktators abkoppeln wollen.

Heutzutage sollte nach dem entscheidenden Grund für den fast zwangsläufigen Fehlschlag des Putsches gefragt werden. Hitler war seit 1934 Deutschlands Führer – ohne Anführungszeichen. Nach dem Tode von Reichspräsident Hindenburg war Hitler Deutschlands Staatsoberhaupt. Die Soldaten wurden auf ihn vereidigt: „Ich schwöre…, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, … unbedingten Gehorsam leisten … werde.“

Adolf Hitler faszinierte die Deutschen durch seine Erfolge. Er beseitigte die Arbeitslosigkeit, seine Heere eroberten Europa. Selbst als 1943 nach Stalingrad eine Abfolge von Niederlagen einsetzte, blieb Hitlers Prestige ungefährdet.

So war eine Absetzung des Führers durch seine Partei und Staatsführung im Herbst 1943 undenkbar. Da führten die Deutschen längst den von Joseph Goebbels proklamierten „totalen Krieg“. Obgleich Deutschlands Städte von den Alliierten zerstört wurden, stieg die Rüstungsproduktion bis Ende 1944. An der Front kämpften die Soldaten unverdrossen.

Die aufständischen Offiziere wussten, dass es unmöglich war, Soldaten gegen ihren Oberbefehlshaber Hitler in Marsch zu setzen. Damit fehlte die Voraussetzung für das Gelingen eines Militärputsches: Die Ergebenheit der Truppe zu den Aufständischen muss schwerer wiegen als die Loyalität zur Staatsführung.

Die Landser aber hielten Adolf Hitler die Treue. Die Putschisten waren Häuptlinge ohne Indianer. Ihr Plan beruhte daher auf Täuschung. Die Operation „Walküre“ war zur Niederschlagung innerer Unruhen angelegt. In Hitlers Namen sollte gegen sein Regime marschiert werden. Da Hitler den Anschlag überlebte und die Attentäter als „gewissenlose und zugleich verbrecherische Offiziere“ denunzierte, brach der Umsturzversuch zwangsläufig zusammen.

Der Coup scheiterte an der ungebrochenen Treue der Deutschen zu ihrem Führer. Die Putschisten kannten das Risiko. So erklärte Hennig von Tresckow vor dem Anschlag, es käme vor allem darauf an, dass „die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und der Geschichte unter Einsatz ihres Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat“.

Den Widerstand vom 20. Juli moralisch zu werten und mit den Geschwistern Scholl zu vergleichen, ist nutzlos. Durch ihren Idealismus haben die Männer um Stauffenberg eine freiheitliche Tradition der deutschen Streitkräfte geschaffen, die unserer Demokratie dient.

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm bei Ullstein „Hitler. Die Deutschen und ihr Führer".

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